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Wie schützen wir die seelische Gesundheit von Kindern?

05.10.2021
Gabriele Strasser
1009

Beim Thema Kinderschutz denken viele an körperliche oder sexuelle Gewalt an Kindern. Doch zum Kinderschutz gehört bereits der Schutz vor verletzenden Handlungen und Worten. Kita-Leiterin Christin Füchtenschneider schildert, wie das Team der Kids World daran arbeitet, die seelische Gesundheit der Kinder zu schützen.

Im Team der Kids World setzen wir uns primär mit unserer Haltung im Umgang mit Handlungen und Worten, die verletzend wirken können und seelisch wehtun, auseinander. Dazu beschäftigen wir uns intensiv mit der bedürfnisorientierten Pädagogik und der Gewaltfreien Kommunikation.

 

Bedürfnisorientierung – was heißt das?

Bedürfnisorientierung ist kein Konzept, sondern eine grundsätzliche Haltung. Jeder Mensch – sei es Fachkraft, Elternteil oder Kind – wird als gleichwürdiges Individuum betrachtet, das sich mit seinen individuellen Erfahrungen, Bedürfnissen, Gefühlen, Grenzen und Interessen einbringt.

Bedürfnisorientierung heißt:

  • Wir nehmen die Bedürfnisse von Kindern und Eltern ernst. 
  • Wir wahren die Grenzen von Kindern und Eltern. 
  • Wir beziehen Kinder und Eltern in Entscheidungen ein.
  • Wir nehmen „Beschwerden“ von Kindern und Eltern feinfühlig wahr.
  • Wir bauen Vertrauen auf.

Es geht nicht darum, Kindern und Eltern alle Wünsche (sofort) zu erfüllen, ihnen jeglichen Frust und Ärger zu ersparen oder Konflikte zu umgehen. Hier ist wichtig, dass pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Bedürfnisse erkennen, statt sie zu übergehen, zu leugnen oder zu verdrängen.

Deshalb gehört zu einer bedürfnisorientierten Pädagogik: 

  • Auch NEIN zu sagen
  • Die Bedürfnisse und Grenzen von pädagogischen Fachkräften ernst zu nehmen
  • Kompromisse zwischen den verschiedenen Bedürfnissen ALLER (Kinder, Eltern, Fachkräfte) zu finden und in Verbindung zu sein
  • Empathie für die eigenen und die Bedürfnisse anderer zu entwickeln
  • Aus einer „erlernten Hilflosigkeit“ in die Verantwortung zu kommen

(Quelle: Wedewardt/Hohmam; Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten)

 

Die Haltung gegenüber dem Kind macht den Unterschied

Jede pädagogische Fachkraft kann bestätigen, dass das Zusammenleben mit Kindern so manche Herausforderung mit sich bringt. Vermutlich sind wir alle schon einmal an unsere Grenzen gekommen und haben uns nicht immer „wie aus dem Lehrbuch“ verhalten. Uns geht es um die grundsätzliche Haltung dem Kind gegenüber. Gebe ich dem Kind oder ungünstigen Rahmenbedingungen die Verantwortung dafür, dass ich nicht anders reagieren konnte? Oder prüfe ich, ob der Grund für mein Verhalten in mir selbst zu finden ist? Wie ausgeprägt ist meine Reflexionsbereitschaft? Interpretiere ich das Tun des Kindes als Absicht und Provokation? Oder denke ich „Jedes Verhalten hat einen Grund“ und gehe auf Spurensuche? Welches Bedürfnis könnte hinter dem Verhalten stehen? Was sind meine Bedürfnisse? Habe ich mir zu viel vorgenommen oder es versäumt, mir rechtzeitig Unterstützung zu holen? Das Wissen darüber ist eine große Stärke, um handlungsfähig zu bleiben.

 

Unbeabsichtigt, übergriffig, strafrechtlich relevant: Grenzüberschreitungen haben vielfältige Formen

Im Alltag kommt es oft zu „kleinen“ und versteckten Grenzüberschreitungen. Sie wirken auf Kinder genauso verletzend wie körperliche oder sexuelle Übergriffe, werden aber oft übersehen oder heruntergespielt. 

Unbeabsichtigte Grenzverletzungen

Diese Grenzverletzungen lassen sich im pädagogischen Alltag nicht gänzlich vermeiden, denn jeder Mensch hat unterschiedliche Grenzen. Deshalb ist es wichtig, im Team darüber zu sprechen, einzelne Handlungen zu reflektieren und Wege zu entwickeln, sich gegenseitig darauf anzusprechen.

Unbeabsichtigte Grenzverletzungen können sich körperlich, verbal oder nonverbal äußern: 

  • Kind trotz Gegenwehr auf den Schoß ziehen
  • Kind ungefragt an- oder ausziehen (z. B. „damit es schneller raus kann“)
  • Kind muss beim Essen probieren
  • Im Beisein des Kindes bzw. vor anderen Kindern über das Kind sprechen
  • Abwertende Bemerkungen (z. B. „Du bist schon wieder der Letzte!“)
  • Tradierte Geschlechterrollen vermitteln (z. B. „Was hast du denn da an? Das sind doch Mädchen-/Jungensachen!“
  • Kind streng oder abfällig anschauen
  • Kind ignorieren oder „stehenlassen“
     

Übergriffe

Übergriffe geschehen nicht zufällig oder unabsichtlich. Eine übergriffige Fachkraft missachtet bewusst die Grenzen des Kindes und somit gesellschaftliche Normen und Regeln oder fachliche Standards. Diese Dimension der Grenzüberschreitung ist Ausdruck eines unzureichenden Respekts gegenüber dem Kind. Dazu gehört das bewusste Ängstigen oder Bloßstellen eines Kindes und das Hinwegsetzen über die Signale des Kindes.

Weitere Beispiele:

  • Separieren eines Kindes (z. B. auf eine Strafbank)
  • Aggressive Ausdrucksweise
  • Kind auf Handlungen reduzieren (z. B. voraussagen, wie sich das Kind verhalten wird)
  • Ein Kind vor anderen vorführen (z. B. wenn es sich mit nasser Hose zeigen muss)
  • Pflegesituation (z. B. Wickeln) in einem unzureichend geschützten Bereich
     

Strafrechtlich relevante Formen von Gewalt

Zu den strafrechtlich relevanten Formen der Gewalt gehören Körperverletzung, sexuelle Nötigung oder Missbrauch.

Beispiele sind:

  • Kind schlagen, treten, schütteln, am Arm ziehen (z. B. hinter sich herzerren)
  • Kind ein- oder aussperren
  • Kind gegen seinen Willen Essen in den Mund schieben
  • Kind zum Schlafen zwingen (z. B. durch Körperkontakt am Aufstehen hindern)

 

„Unerhört“ oder „nicht der Rede wert“? Menschen haben individuell unterschiedliche Wahrnehmungen

Jenseits juristisch definierter Grenzen erleben wir unsere eigenen Grenzen und die der anderen sehr unterschiedlich. Was die eine Person als unerhörten Eingriff in die persönliche Autonomie wahrnimmt, ist für die andere nicht erwähnenswert. Ausschlaggebend hierfür sind die eigene Biografie, individuelle Deutungen von Werten und Normen, der Umgang mit Macht in der pädagogischen Arbeit, die Reflexionsfähigkeit und -bereitschaft, die pädagogische Haltung sowie die Professionalität einer Fachkraft.

Um Grenzen von Kindern und Erwachsenen wahrnehmen zu können, müssen wir unsere eigenen Grenzen wahrnehmen und reflektieren. Dabei helfen uns Fragen wie: 

  • Wann gehe ich über meine eigenen Grenzen und warum?
  • Um wessen Bedürfnis geht es gerade? Um meines als Fachkraft oder um das des Kindes? Wenn ich z. B. ein Kind tröste, geht der Wunsch nach Trost vom Kind aus?
  • Handle ich widersprüchlich zur vereinbarten pädagogischen Haltung? 
  • Wann wurde zuletzt eine Grenze bei mir überschritten?
  • Wann ist mir im beruflichen Kontext eine Grenzverletzung begegnet und wie sah diese aus?


"Die Erfahrung, dass andere ihre Grenzen respektieren, ist für Kinder eine wichtige Erfahrung und Ein Baustein auf dem Weg zu einer starken Persönlichkeit."

Christin Füchtenschneider leitet die Kita Kids World in Halle/Westfalen. 

 

Verhaltenskodex für das Team bietet Handlungssicherheit und Orientierung

Teams verändern sich, pädagogische Ansätze entwickeln sich – umso wichtiger ist es, regelmäßig die Haltung und konzeptionelle Umsetzung „aufzufrischen“. Sinnvoll dafür ist ein Verhaltenskodex, der Regeln zum professionellen Umgang mit Nähe und Distanz sowie angemessene Verhaltensweisen im Umgang mit den Kindern festschreibt und Handlungssicherheit gibt. Was sind No-Gos in unserer Kita? Welche Konsequenzen hat ein Fehlverhalten? Wie lässt sich die bedürfnisorientierte Pädagogik bei herausfordernden Verhaltensweisen eines Kindes umsetzen?

Dadurch wird eine Kultur der Achtsamkeit ermöglicht, Übertretungen und Fehler können offen angesprochen und reflektiert werden. Die Grundlage bilden ein offener und wertschätzender Austausch und eine gelebte Fehlerkultur. Wir wollen voneinander lernen, Rückmeldungen als Bereicherung ansehen, eine Kultur des Hinsehens etablieren und ins Gespräch kommen. Dabei fragen wir unter anderem: Warum und in welchen Situationen kommt es zu Grenzüberschreitungen? Hätten sie verhindert werden können? Wie sieht mein Nähe-Distanz-Verhalten aus? Sind meine Sprache und meine Wortwahl respektvoll? Spreche ich es an, wenn ich eine Grenzüberschreitung beobachte, oder trage ich das System durch Schweigen? 

 

Hilfreiche Instrumente für uns als pädagogisches Team

  • Kollegiale Beobachtung/Beratung
  • Einrichtungsbezogenes Kinderschutzkonzept inklusive Verhaltenskodex
  • Kontinuierliche Reflexion des pädagogischen Handelns (z. B. Teamsitzung, Supervision)
  • Fehlerbejahendes Klima (alle können offen über eigenes Fehlverhalten sprechen) 
  • Toleranz im Team, eine vermeintliche „Schwäche“ als Stärke zu sehen
  • Übungen zur Selbstreflexion, z. B. anhand (fiktiver) Fallbeispiele
  • Empathie-Übungen (was würde ein Kind in einer bestimmten Situation sagen, wenn es sein Befinden in Worte fassen könnte?)
  • Perspektivwechselübungen
  • Dienstplangestaltung, die einer Überforderung der Fachkräfte vorbeugt
  • Regelmäßiger und rechtzeitiger Austausch mit der Leitung (nicht erst, wenn es brennt).

 

Wie reagieren wir bei Kids World auf eine Grenzüberschreitung?

Eine große Hürde stellt das oft sehr ausgeprägte Harmoniebedürfnis in Kita-Teams dar. Der Wunsch, sich gut zu verstehen, darf aber nicht über dem Bedürfnis des Kindes stehen! Wer ein Fehlverhalten bemerkt, muss es ansprechen – unabhängig von Freundschaft oder Loyalität. Es gilt, jede Grenzüberschreitung möglichst konstruktiv und gewinnbringend für alle zu behandeln. Dabei spielen ein achtsamer und partizipativer Führungsstil und Solidarität eine Rolle: Teammitglieder brauchen Beistand bei Schwierigkeiten und bei (drohender) Überlastung oder Überforderung. 

Leitung und Träger haben hier eine Schlüsselposition. Grundsätzlich sprechen wir im Rahmen der Konzeptionsentwicklung und -überarbeitung sowie der Einarbeitung neuer Teammitglieder über Macht, Gewalt und Zwang von Fachkräften gegenüber Kindern. Klare schriftliche Vereinbarungen, z. B. über die Abläufe bei Mahlzeiten, Schlaf- und Ruhezeiten, Bring- und Abholsituationen, helfen dabei.

Folgende Handlungsmöglichkeiten und Konsequenzen bieten sich an:

  • Fachkräfte werden im passenden Rahmen auf ihr Verhalten gegenüber Kindern angesprochen (“Mich hat dein Verhalten heute dem Kind gegenüber irritiert, gerne würde ich dazu deine Sicht erfahren …“).
  • Fachkräfte sprechen eigene Grenzüberschreitung sowie die von Kolleginnen und Kollegen bei der Leitung an.
  • Teammitglieder sprechen eine Grenzüberschreitung von Leitung oder stellvertretender Leitung beim Träger an.
  • Raum und Zeit für kollegiale Beratung
  • Regelmäßige Fallbesprechungen
  • Einbeziehen der Fachberatung
  • Supervision zur Aufarbeitung
  • Verpflichtende Fortbildung
  • Arbeitsrechtliche Maßnahmen: Dienstanweisung, Freistellung, Ermahnung, Abmahnung, Kündigung

 

Offener Austausch statt Schuldzuweisungen

Die Auseinandersetzung im Team soll ermutigen, Handlungsmuster, die Wahl der Worte und die Sprache sowie eigene (manifestierte) Glaubenssätze im Umgang mit den Kindern zu reflektieren. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, sich in einem Klima der Offenheit über die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und der der Kinder auszutauschen und das eigene Handeln zu reflektieren. Die Kinder mit all ihren Bedürfnissen stehen im Mittelpunkt.

Die Erfahrung, dass andere ihre Grenzen respektieren, ist für sie eine wichtige Erfahrung und ein Baustein auf dem Weg zu einer starken Persönlichkeit. Wenn wir die Bedürfnisse der Kinder nicht erkennen oder erahnen können, gehen wir auf Spurensuche. Die bedürfnisorientierte Pädagogik bietet eine gute Chance, den Kindern trotz eigener biografischer Erfahrungen, manifestierter Muster oder schwerer Rahmenbedingungen einen sicheren Ort zu bieten.

 

Vieles ist in Bewegung gekommen

In unserer Kita behandeln wir in jeder Großteamsitzung (einmal monatlich für 2 Stunden) dieses Thema. Dazu haben wir eine Ausarbeitung erstellt, die mit dem Team wächst und angepasst wird. Nach jedem Impuls bekommen die sechs Kleinteams eine „Hausaufgabe“, deren Bearbeitung sie im nächsten Großteam vorstellen. Dadurch ist schon viel in Bewegung gekommen. Wir sind unglaublich froh, dass das Team so großes Interesse zeigt. Denn alle unsere Bemühungen kommen den Menschen zugute, die uns jeden Tag anvertraut werden: DEN KINDERN!

 

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