Hormongesundheit im Arbeitsalltag: was Unternehmen tun können
Hormone begleiten uns durch das ganze Leben – und damit auch durch den gesamten Berufsalltag. Trotzdem wird darüber im Job erstaunlich wenig gesprochen. Dabei können hormonelle Veränderungen großen Einfluss darauf haben, wie wir leben und arbeiten.
Text von Michèle Penz und Christin Müller
Zusammenfassung
In diesem Beitrag zeigen wir, warum Hormongesundheit ein Business-Thema ist, wie Menopause, Zyklus und Männergesundheit die Arbeitsleistung beeinflussen und was Unternehmen mit sieben konkreten Schritten schon heute tun können, um ihre Mitarbeitenden besser zu unterstützen und deren Gesundheit langfristig zu stärken.
Warum Hormongesundheit ein Thema für Unternehmen ist
Lange galt: Hormone sind reine Privatsache. Heute zeigen verschiedene Studien, dass hormonelle Veränderungen einen spürbaren Einfluss auf Arbeitsfähigkeit, Karriereverläufe und Produktivität haben. Hormone beeinflussen also unser Wohlbefinden, unsere Konzentration und unsere Belastbarkeit – und damit unseren Arbeitsalltag.
Hormone wirken im Speziellen auf:
- Energie und Antrieb
- Konzentration und Gedächtnis
- Stimmung und Stresslevel
- Schlaf und Regeneration
Typische hormonelle Phasen und Situationen
Hormonelle Veränderungen begleiten uns durch viele Lebensphasen, zum Beispiel:
- Pubertät
- zyklusbedingte Beschwerden (z. B. PMS)
- unerfüllter Kinderwunsch
- Schwangerschaft und Stillzeit
- (chirurgisch) ausgelöste Hormonumstellungen
- Perimenopause und Menopause
- Andropause bzw. altersbedingte hormonelle Veränderungen bei Männern
- Schilddrüsen- oder Stoffwechselerkrankungen
- Hormontherapien
Typische Symptome, die auch im Job spürbar werden
- Kognition: Gedächtnislücken, Konzentrationsprobleme, „Brain Fog“
- Körper: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Erschöpfung
- Psyche: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Traurigkeit, Angstzustände
Viele Betroffene trauen sich nicht darüber zu sprechen und versuchen zu „funktionieren“, ohne zu wissen, dass Hormone Auslöser für ihre Symptome seinn könnten.
Für Unternehmen heißt das: Hormongesundheit ist eine oft unterschätzte Stellschraube für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Mitarbeiterbindung.
Michèle Penz, BGM-Leitung beim pme Familienservice:
"Wenn Unternehmen klare Regelungen und Angebote zur Hormongesundheit einführen, entsteht eine offenere und unterstützende Kultur. Gerade wenn wir Mitarbeitende lange im Unternehmen halten wollen, bedeutet das zwangsläufig, dass sie mit uns älter werden. Somit ist es wichtig, Mitarbeitende in unterschiedlichen Lebensphasen zu unterstützen.“
Zyklus und Menopause: was sich im Job konkret verändert
Der weibliche Körper durchläuft im Erwerbsleben verschiedene hormonelle Phasen – vom monatlichen Zyklus bis hin zur Menopause. Viele Frauen kennen es: An manchen Tagen geht alles leicht von der Hand, an anderen ist schon die kleinste Aufgabe anstrengend.
Zyklus: wenn sich Leistung im Monatsverlauf verändert
Im Zyklusverlauf berichten viele Frauen, dass sie sich in der Follikel- und Ovulationsphase fokussierter, belastbarer und lernfreudiger fühlen. In der Lutealphase hingegen treten häufiger Müdigkeit, ein erhöhtes Schlafbedürfnis oder eine stärkere Reizbarkeit auf.
Die meisten können mit den Veränderungen gut umgehen. Bei einigen wirken sich die Symptome jedoch spürbar auf Konzentration, Entscheidungsverhalten und soziale Interaktionen im Arbeitsalltag aus.
Wechseljahre im Job: Wenn Beschwerden unsichtbar bleiben
Mit dem Übergang zur Menopause – also der Phase, in der die Zyklushormone langfristig zurückgehen – verschieben sich diese Muster erneut. Typische Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen können in dieser Übergangszeit (Perimenopause) und in der Menopause selbst auftreten.
Eine internationale Studie unter 2.900 weiblichen Beschäftigten ergab:
- 91 Prozent hatten mindestens mittelschwere bis schwere Symptome.
- 37 Prozent gaben an, dass sich diese Symptome auf ihre Arbeitsleistung auswirken.
- Rund ein Drittel hatte am Arbeitsplatz mit niemandem darüber gesprochen.
Viele Frauen wünschen sich deutlich mehr Unterstützung – und gleichzeitig mehr Wissen und Normalität im Umgang mit Wechseljahren im Job.
Besonders relevant: Frauen zwischen 45 und 55 Jahren gehören zu den am schnellsten wachsenden Gruppen der Erwerbsbevölkerung – und sie befinden sich häufig in wichtigen Karrierephasen, oft auf dem Weg in Führungsverantwortung oder bereits dort angekommen.
Gynäkologe Dr. Konstantin Wagner:
„Unternehmen sollten wissen, dass Frauen viele komplexe Phasen durchleben, die sich auf Körper, Psyche und somit auch auf den Beruf auswirken. Die Augen davor zu verschließen führt zu Frust und Unzufriedenheit bei allen. Ob Kinderwunsch, PMS, Schwangerschaft oder vor allem beginnende Wechseljahre, die sehr belastend und sogar lebenseinschränkend sein können: Wenn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber hier Verständnis zeigen, Aufklärung fördern und entsprechende Strukturen schaffen, entlastet das nicht nur die betroffenen Frauen, sondern verbessert auch das Arbeitsklima insgesamt.“
Männergesundheit: Was ist dran an der „männlichen Menopause“?
Auch bei Männern verändern sich Hormone im Laufe des Lebens. Ab etwa 30 bis 40 Jahren sinkt der Testosteronspiegel im Durchschnitt langsam ab. In der Fachsprache nennt man das „partielles Androgendefizit des alternden Mannes (PADAM)“, umgangssprachlich manchmal „Andropause“.
Ist die Andropause vergleichbar mit der weiblichen Menopause?
Die Antwort lautet ganz klar: nein.
- Die Veränderungen verlaufen schleichender als bei der Menopause.
- Nicht alle Männer haben Symptome.
- Es gibt keine klare Fruchtbarkeitsgrenze.
- Der Begriff „männliche Menopause“ ist wissenschaftlich umstritten.
Testosteronmangel: mögliche Symptome bei Männern
Wenn ein Testosteronmangel vorliegt, können z. B. auftreten:
- Weniger Libido und sexuelle Funktionsstörungen
- Müdigkeit und Energieverlust
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen
- Abnahme von Muskelmasse und Knochendichte
- Zunahme von Körperfett
- Konzentrations- und Entscheidungsprobleme
Im Arbeitsalltag werden diese Veränderungen jedoch häufig anders gedeutet: „keine Lust mehr auf den Job“, reine Alterserscheinung oder mangelnde Motivation.
Urologe Dr. Christoph Pies:
"Vorsorge ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung für sich selbst. Leider fehlt vielen Männern dieses Bewusstsein, da sie von klein auf nicht wie Frauen an regelmäßige Arztbesuche gewöhnt sind. Zudem sind Praxiszeiten oft nicht auf Berufstätige abgestimmt, was die Vorsorge erschwert. Ein Umdenken in Gesellschaft und Gesundheitssystem ist notwendig.“
Männergesundheit: Wichtig für Unternehmen
Für HR ist es deshalb hilfreich, Männergesundheit nicht nur unter dem Blickwinkel „Rücken, Herz-Kreislauf, Stress“ zu betrachten, sondern auch hormonelle Aspekte zu berücksichtigen. Es gilt Rahmen zu schaffen, in denen Männer über Veränderungen sprechen können und auf Beratungs- und medizinische Angebote hingewiesen werden und Prävention in Gesundheitsprogramme integriert wird.
Cortisol und Stress: warum Stressmanagement zur Hormongesundheit gehört
Chronischer Stress aktiviert das Hormon Cortisol. Während ein kurzzeitiger Anstieg beflügeln kann, schadet ein dauerhafter Cortisolüberschuss auf Dauer:
- Schlafqualität nimmt ab.
- Reizbarkeit steigt.
- Kreativität und Belastbarkeit sinken.
- Das Immunsystem wird geschwächt.
- Veränderungen des Hormonspiegels beeinflussen zudem stimmungsregulierende Neurotransmitter. Das kann zu erhöhter Traurigkeit, Angstzuständen und Reizbarkeit führen – mit direkten Folgen für Kooperation, Konfliktverhalten und Führung.
7 Tipps für einen hormonfreundlichen Arbeitsplatz
Wie können Unternehmen konkret starten? Diese sieben Ansätze helfen weiter – auch mit kleinem Budget.
1. Führungskräfte sensibilisieren
- Zyklus, Wechseljahre, Männergesundheit und Stresshormone bewusst als Bestandteil von Gesundheit am Arbeitsplatz ansprechen
- Führungskräfte darin schulen, Signale wahrzunehmen – ähnlich wie bei Stress oder Burnout
2. Arbeitsmodelle flexibler gestalten
- Flexible Arbeitszeiten und echte Pausen ermöglichen
- Wo es geht, Spielräume schaffen: nicht nur wo, sondern auch wann gearbeitet wird
- Beispiele:
- - flexible Pausenzeiten für Arzttermine
- - angepasste Arbeitszeit in symptomstarken Phasen
- - temporär geänderte Aufgaben, wenn bestimmte Tätigkeiten gerade besonders schwerfallen
3. Passende Gesundheitsangebote aufsetzen
So werden unterschiedliche Lebensphasen und Bedürfnisse sichtbar integriert:
- Workshops zu Zyklus- und Wechseljahre-Kompetenz
- Angebote zu Frauen- und Männergesundheit
- Programme zu Stress, Schlaf und Resilienz
- Ergänzende Angebote zur reproduktiven Gesundheit (z. B. Kinderwunsch, Fehlgeburt, hormonelle Behandlungen)
4. Eine offene und unterstützende Kultur fördern
Hormongesundheit ist kein Tabu, sondern ein Teil der Gesundheit – genau wie Rückenschmerzen oder Stress. Schaffen Sie verschiedene Angebote wie:
- Räume für Austausch: Round Tables, Netzwerke, Mitarbeiter:innen-Gruppen
- Lunch-and-Learn-Sessions mit medizinischen Fachkräften
- Anonyme Umfragen, um Bedarfe besser zu verstehen
5. Vertrauliche Beratung sichtbar machen
- Externe, vertrauliche Beratungsangebote (z. B. Employee Assistance Programme) aktiv kommunizieren
- Klar benennen, dass dort auch hormonelle Themen Platz haben
- Orientierung geben zu: ärztlicher Abklärung, psychologischer Unterstützung, weiterführenden Hilfsangeboten
Wichtig: Diese Angebote müssen niedrigschwellig, gut erreichbar und vertrauenswürdig sein.
6. Informieren, statt raten lassen
- Kurze, leicht verständliche Formate bereitstellen: Factsheets, Intranet-Beiträge, kurze Online-Sessions oder Impulsvorträge
- Unterschiedliche Zielgruppen adressieren:
- - Führungskräfte
- - Mitarbeitende in Schichtarbeit
- - Jüngere Mitarbeitende (Zyklus, Verhütung, Kinderwunsch)
- - Männer (altersbedingte Veränderungen, Vorsorgekultur)
7. Strukturen und Leistungen überprüfen
- Prüfen, ob Richtlinien, Schichtpläne, Leistungskennzahlen und BGM-Maßnahmen hormonelle Gesundheit mitdenken
- Gesundheitsleistungen anschauen:
- - Werden Hormontherapien und fachärztliche Konsultationen unterstützt?
- - Gibt es psychologische Angebote, die den Zusammenhang zwischen Hormonen und Stimmung berücksichtigen?
- - Bestehen ergänzende, niedrigschwellige Angebote wie Coaching oder digitale Tools?
Fazit: Hormongesundheit als Erfolgsfaktor
Hormongesundheit ist kein modischer Nebenaspekt, sondern ein wachsender, strategisch relevanter Erfolgsfaktor. Unternehmen, die hormonell bedingte Veränderungen ernst nehmen und offen adressieren, investieren in Gesundheit, Motivation und nachhaltigen Erfolg.
FAQ: Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Hormonen im Arbeitsleben
Wie beeinflussen Hormone die Arbeitsfähigkeit?
Hormone wie Östrogen, Progesteron, Testosteron und Cortisol bestimmen Energie, Konzentration, Stimmung und Schlaf – und wirken so direkt auf Produktivität, Teamverhalten und Wohlbefinden. Veränderungen oder Ungleichgewichte können körperliche Beschwerden, emotionale Schwankungen und kognitive Einschränkungen nach sich ziehen.
Sind nur Frauen von hormonellen Veränderungen betroffen?
Nein. Frauen erleben im Laufe des Lebens besonders viele hormonelle Übergänge (Zyklus, Schwangerschaft, Stillzeit, Wechseljahre), aber auch Männer erleben mit sinkendem Testosteronspiegel ab etwa 30–40 Jahren hormonelle Veränderungen, die Einfluss auf Energie, Motivation und Belastbarkeit haben können. Hinzu kommen hormonelle Themen, die alle betreffen können – etwa Stress (Cortisol), Schilddrüsenerkrankungen oder Stoffwechselstörungen.
Was kann HR tun, um die hormonelle Gesundheit zu fördern?
Wichtig sind:
- flexible Arbeitszeiten und ggf. Anpassungen der Arbeitsbedingungen,
- zielgruppengerechte Gesundheitsangebote (Zyklus, Wechseljahre, Männergesundheit, Stress, Schlaf, reproduktive Gesundheit),
- offene, tabufreie Kommunikation und geschulte Führungskräfte,
- klare, vertrauliche Unterstützungswege (z. B. EAP, Fachberatung, interne und externe Ansprechpersonen),
- und Richtlinien, die hormonelle Gesundheit als Teil einer inklusiven, diskriminierungsfreien Unternehmenskultur verankern.