Gute Erziehung: Auf die innere Stimme hören

Gute Erziehung: Auf die innere Stimme hören

02.05.2019
Gabriele Strasser
1749

Nicht nur Kinder benötigen „Wurzeln und Flügel“, um sich gut entwickeln zu können. Auch für Eltern heißt eine der Entwicklungsaufgaben, sich zwischen Bindung und Autonomie im eigenen Leben und im Zusammensein mit den Kindern einzupendeln. Wie das aussehen kann, beschreibt die Erziehungsexpertin Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler in ihrem Vortrag mit Livestream am 4. Juni 2019 in der pme Work-Life-Akademie in Frankfurt/Main. Lesen Sie dazu unser Interview.

Frau Tschöpe-Scheffler, was ist für Sie gute Erziehung?

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Erziehung bedeutet für mich in erster Linie Präsenz. Eltern bauen eine gute Beziehung zu ihrem Kind auf, indem sie präsent sind, das Kind wahrnehmen, es beobachten, beachten und achten. Ganz wichtig dabei: Verabschieden Sie sich vom Gedanken, perfekt sein zu müssen!

 

Wo bemerken Sie bei Eltern häufig Unsicherheiten?

Oft haben Eltern zu viele Erziehungsratgeber im Bücherschrank und zu viele Expertenweisheiten im Kopf. Sie haben verlernt, auf ihre innere Stimme zu hören. Ich ermutige Eltern, mit ihrem Kind in den jeweiligen Situationen ihren Weg zu finden und sich immer wieder zu fragen: „Fühle ich mich in der Beziehung zu meinem Kind gut, sicher und stark?“. Dabei schaue ich individuell, wo sie stehen: Können Eltern Grenzen setzen? Können sie ihre Kinder fördern? Wie ist es um Achtung und Kooperation bestellt, wie gehen sie miteinander um? 

 

Sie haben das Buch "fünf Säulen der Erziehung" geschrieben. Welche Säulen sind das?

Die fünf Säulen der Erziehung, sozusagen die Eckpfeiler einer guten Erziehung, sind Liebe, Achtung, Kooperation, Struktur und Förderung. Damit haben Eltern ein Instrumentarium, mit dem sie ihren Erziehungsstil und ihre Beziehung zum Kind immer wieder hinterfragen können. Inzwischen kamen, angeregt durch Vorträge und Gespräche mit Eltern und Fachleuten, zwei weitere Säulen dazu, derzeit wird die achte Säule weiterentwickelt. 

 

Wie sind sie entstanden?

Der Ursprung war ein Seminar mit Studierenden zur Frage „Was ist gute Erziehung?“. Antworten darauf haben wir in den Standardwerken der Pädagogik – zum Beispiel von Fröbel, Pestalozzi, Montessori – gefunden. Später haben Studierende dieselbe Frage Menschen auf der Straße gestellt – Männern, Frauen, mit oder ohne Kinder, unterschiedlicher Nationalitäten und Hintergründe. Das interessante Ergebnis der 1.200 Fragebögen: Die Antworten deckten sich im Wesentlichen mit den zentralen Aussagen der Standardwerke. Es gibt also generelle Strukturelemente einer guten Erziehung. Sie sind Kern meines Buches „Fünf Säulen der Erziehung“, das sich mittlerweile zum Longseller entwickelt hat und in der Ausbildung von Pädagogen verwendet wird. 

 

Wie profitieren Eltern davon, wenn sie die fünf Säulen der Erziehung berücksichtigen?

Sie bekommen Mut, ihren Weg mit dem Kind zu gehen, Augen und Ohren, um ihr Kind und sich besser wahrzunehmen. Sie werden sicherer in dem, was sie tun, und entwickeln eine Haltung. Damit werden sie unabhängig von den Ratschlägen anderer Menschen. 

 

"Verabschieden Sie sich vom Gedanken, perfekt sein zu müssen"

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler