Mann und Frau schauen voneinander weg, weil sie streiten
Psyche

Wann lohnt sich eine Paartherapie wirklich?

Wenn eine große Liebe bröckelt oder eine Ehe zu scheitern droht, ist das schmerzhaft für ein Liebespaar. pme-Paartherapeutin Gisela Backes erklärt am Beispiel von Jessica und Daniel, wann Konflikte zur echten Beziehungskrise werden und wie Sie es schaffen, einen neuen Anfang zu finden. Nur soviel vorab: Es liegt höchstwahrscheinlich viel Arbeit vor Ihnen.

Expertin: Gisela Backes, Paartherapeutin, Redaktion: Christin Müller, Redaktion
 

Woran zerbricht die Liebe? 

Laut Paartherapeutin Gisela Backes sind häufig ein mangelnder Austausch und Missverständnisse die Hauptursachen für Krisen in Beziehungen sind.

Sie empfiehlt, als Paar aktiv an der Beziehung zu arbeiten, offen zu kommunizieren und sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, um wieder zueinander zu finden.

Professionelle Unterstützung kann helfen, neue Wege zu entdecken, Lösungen zu entwickeln und die Partnerschaft zu stärken – sofern beide bereit sind, sich auf diesen Prozess einzulassen.

 

Der Fall Jessica und Daniel: Wenn Vorwürfe sich ständig wiederholen!

Jessica und Daniel sind seit zwölf Jahren ein Paar. Kennengelernt haben die beiden sich in der Uni. Gemeinsam zogen sie von Münster nach Berlin – lukrative Jobs warteten auf sie in der Hauptstadt. Für Jessica als Projektleiterin in einer PR-Agentur, für Daniel als Ingenieur an einem technischen Institut. Mit der Hochzeit vor vier Jahren und der kleinen Tochter Mia schien das private Glück perfekt.

Doch schon bald stellten sich erste Probleme ein. Jessica, die sich nun hauptsächlich um die Tochter kümmerte, kam nur schwer damit zurecht, ihren alten Job, in dem sie zuvor oft Überstunden gemacht hatte, nicht mehr ausüben zu können.Sie hatte in den sauren Apfel gebissen und einen schlechter bezahlten Job als Teamassistentin angetreten – eine Teilzeitstelle war in ihrem alten Job nicht möglich.

Daniel sah seine Hauptaufgabe nun darin, das Geld zu verdienen. Er arbeitete, wann immer es ging. Der Verdienst war auch zu gut und die Aufstiegschancen greifbar nahe. Obwohl die beiden keine finanziellen Sorgen hatten, schlich sich schon bald dieses eine komische Gefühl ein – einfach nicht mehr als Paar zu funktionieren.

Beziehungskrise, wenn die Kinder kommen

Gisela Backes ist Paar- und Familientherapeutin beim pme Familienservice. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Paare durch eine Krise begleitet, so auch Jessica und Daniel. „Ein Kind ist für ein Paar etwas Wunderschönes. Macht es doch aus einer Zweierbeziehung eine kleine Familie. Das nimmt unweigerlich Einfluss auf die Beziehung der Eltern.“ Häufig übernimmt die Mutter die Pflege und Erziehung des Kindes.

1. Wie Veränderungen nach der Geburt die Partnerschaft auf die Probe stellen

So wie Jessica. Nach Ablauf ihrer einjährigen Elternzeit kümmerte sie sich hauptsächlich um Mia. Sie hatte alle Impftermine auf dem Schirm, blieb mit ihr zu Hause, wenn Mia Fieber hatte und erledigte nach der Arbeit alle Einkäufe. Sie übernachtete im Zimmer der Tochter, so dass Daniel in Ruhe schlafen konnte.

Eine einschneidende Veränderung: „Wenn die Mutter ihr altes Leben aufgeben muss, kann sich schnell Unzufriedenheit einstellen.“, sagt Gisela Backes. Womöglich fehlen zusätzlich die Wertschätzung und Bestätigung aus dem alten Job. Das kann frustrieren. Aber auch an Daniel ging die Veränderung nicht spurlos vorbei. Er sehnte sich nach mehr Zweisamkeit mit seiner Frau.
 

"Mangelhafte Kommunikation und Interpretation von Situationen und Äußerungen sind die häufigsten Ursachen für Krisen in der Partnerschaft."
Gisela Backes, Paartherapeutin, pme Familienservice
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2. Wenn Elternschaft die Zweisamkeit verdrängt

Jessica ließ es nicht zu. Zu kaputt war sie vom Tag mit der Kleinen und insgeheim gab sie ihrem Mann die Schuld an der Unzufriedenheit. Die körperliche Nähe zum Kind hat im ersten Lebensjahr und kurz danach häufig oberste Priorität. Wenn Jessica viele Stunden engen Körperkontakt zu Mia hatte, ist der Bedarf nach körperlicher Nähe gedeckt. Das erfordert von Daniel Verständnis und Geduld aber auch beharrliches Werben um die Frau als Partnerin.

Hören Sie auch unseren Podcast zum Thema: Was passiert in einer Paartherapie?

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Fehlende Kommunikation und Fehlinterpretationen belasten Beziehung

Das gleiche gilt für die Anerkennung im Job. Sind Kinder da, lassen die Tagesroutinen nicht selbstverständlich Raum für Austausch“, stellt die Paartherapeutin heraus.

Häufig sei die fehlende Kommunikation zwischen den Partnern der Grund für eine Fehlinterpretation von Situationen und Äußerungen: „Das Paar glaubt sich in- und auswendig zu kennen, die Worte ´nie` und ´immer` werden häufig verwendet“, sagt Backes. Doch wenn das Paar nicht gemeinsam versucht Lösungen für die Unzufriedenheit oder Überbelastung zu finden, löst das häufig eine ernste Krise aus.

Wichtig sind Gespräche über:

  • Job
  • Kinderbetreuung
  • Persönliche Bedürfnisse nach Schlaf, Ruhe, körperlicher Nähe
  • Verteilung der Aufgaben im Haushalt
  • Freizeitgestaltung
  • Kontakt zu Freunden und Hobbys
     
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​​​​​​​Wenn Schweigen und Streit die Beziehung bestimmen: Die Fronten verhärten sich

Bei Jessica und Daniel wurde der Ton rauer. Eine normale Kommunikation schien schon lange nicht mehr möglich. Es wurde erst täglich gestritten, irgendwann nur noch geschwiegen.

Es gab Tage, an denen die beiden kein Wort miteinander sprachen und wenn doch, nur noch anbrüllten. Die Liebe, wie sie einst begonnen hatte, schien nicht mehr zu existieren – geschweige denn ein Liebesleben.

Und irgendwie war es beiden auch egal. Zu diesem Zeitpunkt schien eine Scheidung näher als eine Einigung. Es blieb noch ein Versuch, ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Schritt. Denn sie wussten, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Paar kam zu Gisela Backes in die Beratung. Die 62-jährige Paartherapeutin half den beiden, ihre Krise zu meistern.
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Eine Paartherapie kann Dynamiken in der Beziehung aufdecken und helfen, wieder Respekt und Liebe füreinander zu empfinden (Foto: pme Familienservice).

Wann Paare in die Paartherapie kommen

„Paare kommen immer dann zu mir, wenn sie selbst keinen Ausweg mehr aus der kritischen Situation sehen. Das kann zu Beginn Krise sein oder auch nach jahrelanger Dauerkrise.

Anlass für eine Beratung kann eine lebensverändernde Familiensituation sein, wie eine Geburt, ein Todesfall, eine schwere Krankheit, ein Jobwechsel, Untreue, aber auch Respektlosigkeit, Lügen, Verletzungen, Kinderlosigkeit, Frustration, sexuelle Unlust oder kulturelle Unterschiede", erläutert die Therapeutin.

In Deutschland wird heutzutage jede dritte Ehe geschieden. Professionelle Hilfe holen sich die wenigsten. Warum das so ist, weiß Gisela Backes: 
 

"Meist ist es mindestens einem Beteiligten peinlich sich fremde Hilfe zu holen oder mindestens eine Person glaubt nicht an eine Veränderung durch die Therapie."
 

Was erfolgreiche Partnerschaften auszeichnet und wie Therapie helfen kann

Wie vielen Paaren sie letztendlich helfen konnte, kann Gisela Backes nicht pauschal sagen. Sie rät: „Es ist wichtig an sich als Paar zu arbeiten, es auch zu wollen und nicht einfach aufzugeben.

Erfolgreiche Partnerschaften sind gekennzeichnet durch eine wechselseitige positive Wahl (der Partner/ die Partnerin ist die absolute Nr. 1), durch wechselseitige Liebe, durch wechselseitiges Vertrauen und durch Respekt und Achtung füreinander.

Auch wenn einige Therapien schwieriger sind als manch andere, Gisela Backes hat noch keinem Paar zur Trennung geraten: „Die Entscheidung trifft immer das Paar oder zumindest eine Person in der Partnerschaft. All denen, die Hilfe oder Unterstützung annehmen möchten, kann geholfen werden.

Wenn eine Person aber die Entscheidung trifft, die Partnerschaft nicht weiter aufrecht erhalten zu wollen, dann können wir das Paar auch im Trennungsprozess unterstützen."

Ziele, Methoden und Ablauf: Wie läuft eine Paartherapie ab?

Das Vorgehen in der Paarberatung ist abhängig davon, was das Ziel der Paarberatung sein soll. „Das kann beispielsweise sein: die Kommunikation zu verbessern, nach Untreue das Vertrauen wieder zu gewinnen, die Sexualität wieder aufleben zu lassen oder als Zweitfamilie zusammen zu wachsen“, führt Backes weiter an.

Es gibt vorbereitende Fragen für eine Paarberatung, die zurückschauen auf den Beginn der Beziehung, auf das hier und jetzt und auf Wünsche für die Zukunft. Diese Fragen dienen als Leitfaden in der Beratung wo sich gegebenenfalls Übungsaufgaben für das Paar ableiten lassen.

 

So stärken Paare die Beziehung nach der Krise

1. Mehr Zeit füreinander finden

Jessica und Daniel hat die Therapie geholfen. Sie haben sich vorgenommen, sich als Paar wieder mehr wahrzunehmen und Zeit in ihre Beziehung zu investieren.

So gibt es nun Zeiten, in denen sie nur für sich da sind. Am Abend bleibt der Fernseher nun häufiger aus, die Hausarbeit bleibt auch mal liegen. Bei einem Glas Wein lassen sie dann den Tag Revue passieren. Ein Date pro Monat ist fest im Kalender eingetragen.

Auf die kleine Mia passt in der Zwischenzeit eine Babysitterin auf. Für einen Wochenendtrip zum Hochzeitstag wurden sogar die entfernt lebenden Großeltern dazu geholt, um auf das Kind aufzupassen.

„Zeit füreinander kann helfen. Auch wenn es täglich nur 15 Minuten sind, in denen sich jeder wertfrei mitteilen kann und gemeinsam nach Verständnis oder Lösungen gesucht wird“, sagt die Therapeutin. „Nicht immer finden sich für alle Beteiligten zufriedenstellende Antworten. Dann sollten Zwischenlösungen gefunden werden und das Thema nach einer gewissen Zeit wieder neu diskutiert werden.“

2. Offene Kommunikation beibehalten: Im Gespräch bleiben!

Daniel will versuchen, in Job etwas zurückzutreten, so dass seine Frau neuen beruflichen Plänen nachgehen kann. Alles scheint eine gute Wendung zu nehmen.

Wichtig ist jedoch: Im Gespräch bleiben! Gisela Backes resümiert: „Vielen Menschen fällt es schwer, mit dem Partner über Wünsche, Sehnsüchte, Ängste zu sprechen. Genau das ist es aber, was eine Partnerschaft belebt."

Auf die Frage, warum es sich ihrer Meinung nach lohnt für eine bestehende Partnerschaft sich einzusetzen, hat sie eine ganz einfache Antwort: "Weil es ein wunderbares Gefühl ist zu lieben und geliebt zu werden und einen Partner/eine Partnerin an seiner Seite zu haben.“

Paar- und Einzelberatungen von erfahrenen Therapeut:innen

Beim pme Familienservice bieten wir Paaren und Familien Unterstützung, um offen über ihre Bedürfnisse zu sprechen und Missverständnisse auszuräumen.

Mehr erfahren: EAP Beratung

 

Literaturtipps

Hans Jellouschek Wie Partnerschaft gelingt

 

FAQ: Paartherapie, Beziehungskrise und Familienleben

Wann lohnt sich eine Paartherapie wirklich?


Eine Paartherapie lohnt sich, wenn Paare allein keinen Ausweg mehr aus einer schwierigen Situation finden – egal, ob sie am Anfang einer Krise stehen oder diese schon länger anhält. Besonders mit Kindern ist professionelle Hilfe sinnvoll, um das Familienglück zu schützen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Hilfe anzunehmen erfordert Mut, aber sie kann echte Veränderung bringen.

Woran zerbricht eine Liebe am häufigsten?


Laut Paartherapeutin Gisela Backes sind fehlende Kommunikation und Missverständnisse die Hauptursachen für Beziehungskrisen. Offene, ehrliche Gespräche und bewusst gemeinsame Zeit helfen dabei, sich wieder näherzukommen und Probleme anzusprechen.

Wie beeinflussen Kinder eine Beziehungskrise?


Wenn Eltern streiten oder unglücklich sind, belastet das Kinderseelen sehr. Ein Kind bringt viele Veränderungen im Alltag und in der Partnerschaft. Gerade nach der Geburt verschieben sich Aufgaben und alte Rollenbilder, was zu Unzufriedenheit führen kann, wenn Partner:innen nicht offen darüber sprechen.

Was kann ich tun, wenn Vorwürfe und Streit zum Alltag werden?


Wiederkehrende Vorwürfe und ständiger Streit sind Warnzeichen einer tiefen Krise. In dieser Situation sollte das Paar professionelle Beratung suchen, um wieder wertschätzend miteinander zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Ab wann ist Paartherapie sinnvoll?


Eine Paartherapie ist sinnvoll bei anhaltender Unzufriedenheit, wiederkehrendem Streit, Sprachlosigkeit oder nach einschneidenden Ereignissen wie Geburt, Jobverlust, Untreue oder Krankheit. Sie unterstützt Paare dabei, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ängste offen zu besprechen und Veränderungen anzugehen.

Wie läuft eine Paarberatung ab?


Das Vorgehen in der Paarberatung ist individuell, richtet sich aber immer nach den Zielen des Paares: Häufig geht es um bessere Kommunikation, das Wiedergewinnen von Vertrauen nach Konflikten, das Stärken der Sexualität oder das Zusammenwachsen als Familie. Paare erhalten begleitende Fragen und praktische Aufgaben, um ihre Beziehung aktiv zu gestalten.

Was macht erfolgreiche Partnerschaften aus?


Erfolgreiche Beziehungen basieren auf gegenseitiger Liebe, Respekt, Vertrauen und dem ehrlichen Wunsch, am gemeinsamen Leben zu arbeiten. Es braucht den Willen beider, offen zu bleiben, zuzuhören und einander zur ersten Wahl zu machen.

Was, wenn nur eine Person bereit für Veränderungen ist?


Wenn ein Partner keine Veränderung wünscht, ermutigt die Therapeutin dazu, trotzdem Hilfe anzunehmen. Die Entscheidung für eine Trennung oder einen Neuanfang sollte bewusst getroffen werden. Auch während einer Trennung kann eine Beratung begleiten.

Wie können Paare die Beziehung nach einer Krise stärken?


Wichtig ist, sich Zeit als Paar zu nehmen – kleine Rituale, feste „Date Nights“ und Gespräche im Alltag helfen, sich als Partner:innen wieder wahrzunehmen. Unterstützung wie Babysitter oder Großeltern ermöglicht gemeinsame Auszeiten, selbst wenn sie kurz sind.

Warum ist offene Kommunikation entscheidend?


Nur wer über Wünsche, Ängste und Sehnsüchte spricht, hält die Beziehung lebendig. Viele Schwierigkeiten entstehen durch unausgesprochene Erwartungen. Offene Gespräche machen Nähe und Verständnis möglich.

null Burnout bei Mitarbeitenden: Was Führungskräfte wissen müssen

Mann an einem Hochseil im Berg

Burnout bei Mitarbeitenden: Was Führungskräfte wissen müssen!

Wenn ein Teamkollege nach einem Burnout in den Beruf zurückkehrt, fragen sich die Kolleg:innen und die Führungskraft fast immer etwas sorgenvoll: Wie sollen wir mit ihm oder ihr umgehen? Wird derjenige, wieder voll dabei sein? Carola Kleinschmidt ist Trainerin und Expertin für Burnout und weiß, wie Führungskräfte diesen Balanceakt schaffen.

Psychologin und Geschäftsführerin der Oberbergkliniken. Viele Jahre lang etablierte sie Konzepte für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in Unternehmen. Kentgens hält viele Aufklärungsvorträge und Workshops in Unternehmen jeder Größe, und wohin sie auch kommt, sie trifft immer auf die gleiche Unsicherheit: "Wie gehe ich als Kollege oder Chef mit der Person um, die aus der Krankheitsphase zurückkommt?

Diese Frage beschäftigt sehr viele“, erklärt Kentgens. "Häufig haben die Fragenden in einer anderen Abteilung schon einmal beobachtet, dass jemand wieder im Büro erschien, aber nur wenige Stunden am Arbeitsplatz blieb und dann wieder nach Hause ging. Und sie fragten sich: Darf der das, weil er krank war? Wird das jetzt immer so sein?".

Wiedereingliederung nach dem Burnout: Stufenweise von vier bis acht Wochen

"Hier liegt meist ein Missverständnis vor", erklärt Psychologin Kentgens. Häufig wissen Chefs und Kollegen nicht, dass die Wiedereinsteiger eine stufenweise Wiedereingliederung machen. In dieser Zeit sind sie offiziell noch krankgeschrieben, die Krankenkassen zahlen die Lohnkosten.

In der Regel dauert eine stufenweise Wiedereingliederung vier bis acht Wochen. Diese Zeitspanne bietet den Rückkehrern die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt wieder an den Berufsalltag und ihre Tätigkeiten zu akklimatisieren – ohne zu viel Druck. "In dieser Zeit gelten besondere Absprachen, die ärztlich beziehungsweise therapeutisch untermauert sind. Es gibt einen verabredeten Stufenplan, der im Idealfall zwischen Rückkehrer, Behandler, Führungskraft, Personalbereich, Betriebsrat und Betriebsarzt vereinbart wurde", erläutert Kentgens. Das heißt, es ist gut möglich, dass pro Tag erst einmal nur wenige Stunden Arbeitszeit vereinbart wurden oder für diese Zeit noch andere Sonderregelungen für den Mitarbeiter gelten. Im Idealfall steigert sich die Belastbarkeit des Mitarbeiters kontinuierlich.

Wie mit dem Kollegen umgehen?

Kollegen, die das nicht wissen, sehen von außen natürlich schnell jemanden, der nur noch wenig belastbar ist. Und nicht selten etabliert sich dieses erste Bild vom Rückkehrer. Ein Teufelskreis kann beginnen: Man traut dem Mitarbeiter nicht viel zu – und nimmt ihm damit die Chance, sich wieder voll ins Alltagsgeschäft zu integrieren.

"Wir raten deshalb Führungskräften, im Team zu kommunizieren, in welchem Status der Mitarbeiter derzeit im Unternehmen unterwegs ist. Auch zeitlich befristete Sonderregelungen, die man mit dem Betroffenen ausgehandelt hatte, wie zum Beispiel der Verzicht auf Dienstreisen oder ein reduzierter Kundenkontakt, sollten kommuniziert werden, damit das Team Bescheid weiß".

Solche Verabredungen können auch nach der stufenweisen Wiedereingliederung noch zwischen Führungskraft und Mitarbeiter gelten. Auch dann ist es am besten, man kommuniziert das für alle. Diese Transparenz macht es viel einfacher, den Rückkehrer wieder gut ins Team zu integrieren, und beugt Gerüchten, falscher Rücksichtnahme und Tuscheleien vor.

Nach dem Burnout: Keine falsche Rücksichtnahme

Ist die Wiedereingliederung abgeschlossen, was in der Regel nach vier bis acht Wochen der Fall ist, dann ist der Mitarbeiter wieder gesund und damit auch wieder voll im Betrieb einsetzbar.

"Nach der Wiedereingliederung und wenn eventuelle Sonderabsprachen ausgelaufen sind, gilt der Mitarbeiter wieder als voll belastbar", erklärt Kentgens. Das ist aus Sicht der Psychologin auch richtig, denn gerade nach einer psychischen Krise bestehe die Gefahr, dass die Person in einer gewissen Schonhaltung verharre – oder vom Umfeld aus falscher Rücksichtnahme in die Ecke "Der ist nicht mehr belastbar" gedrängt werde."

Solche Entwicklungen sind für die Gesundheit und vor allem für die Genesung kontraproduktiv", erklärt Kentgens. Deshalb ist das Ziel der Wiedereingliederung, dass der Beschäftigte am Ende wieder seinen alten Arbeitsplatz mit den dort üblichen Beanspruchungen ausführen kann. Nach gelungener Behandlung hat sich im Idealfall die Haltung des Mitarbeiters sowie seine Resilienz und Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen verbessert – inklusive der Fähigkeit, auch mal "nein" zu sagen.

"Die größte Sorge der Betroffenen ist, dass sie nach der Rückkehr ins Unternehmen schief angeschaut werden."

Falls der Beschäftigte bereits vor der Rückkehr in den Beruf oder auch im Rahmen der Wiedereingliederung bemerkt, dass er gewisse Tätigkeiten, die zuvor zu seinen Aufgaben gehörten, nicht mehr ausführen möchte, dann ist es nicht an der Führungskraft oder am Team, ihm diese automatisch abzunehmen. Vielmehr ist der Mitarbeiter um sein Aufgaben- und Belastungsfeld zu verändern, erklärt Kentgens. Das heißt, er kann mit seiner Führungskraft und auch auf der Ebene der Personalabteilung über seine Aufgaben verhandeln, um die Arbeit für sich passend zu gestalten.

Auch die Gespräche im Rahmen der Wiedereingliederung können der Ort für solche Justierungen sein. Manche Burnout-Betroffenen möchten beispielsweise ihre Arbeitszeit reduzieren oder weniger Kunden betreuen als zuvor, vereinzelt auch in andere Positionen mit weniger Verantwortung wechseln. "Dieser deutliche Appell an die Eigenverantwortung und Klarheit der ehemals Betroffenen mag rigide klingen", sagt Kentgens. Aber sie weiß aus dem Alltag der Therapeuten, die mit Burnout-Betroffenen arbeiten: "Die größte Sorge der Betroffenen ist, dass sie nach der Rückkehr ins Unternehmen über Monate hinweg schief angeschaut werden, dass man ihnen nichts mehr zutraut und sie genau deshalb auch nicht wieder leistungsfähig werden können". Die Klarheit im Wiedereingliederungsprozess wirkt dieser Diskriminierung entgegen und ist deshalb heilsam – für alle Beteiligten.

 

Über Carola Kleinschmidt:

Carola Kleinschmidt ist Diplombiologin, Journalistin und zertifizierte Trainerin (Zusatzausbildung Kommunikationspsychologie, Schulz-von-Thun-Institut/Uni Hamburg).

Sie beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema "Gesundheit & Arbeitswelt“. Ihr Sachbuch "Bevor der Job krank macht" bezeichnet das Magazin Stern als „eines der besten Bücher zum Thema Burnout“. Es verkaufte sich über 25.000 Mal. Folgebücher: "Das hält keiner bis zur Rente durch“ (2014), "Burnout – und dann?“ (2016). Carola Kleinschmidt hält Vorträge und gibt Workshops in Organisationen und Unternehmen zum Thema "Gute Arbeit & psychische Gesundheit". www.carolakleinschmidt.de

 

 

 

Literaturtipp: „Burnout – und dann?“ (2016)

Jedes Jahr steigen Millionen Menschen nach einem Burnout wieder ins Leben ein. Sie alle fragen sich: Wie wird mein Leben weitergehen? Muss ich mit Rückfällen rechnen? Was und wie viel muss ich in meinem Leben verändern?

Carola Kleinschmidt hat viele Betroffene über Jahre begleitet. Sie beschreibt, wie das Leben nach der Krise aussieht, welche Schwierigkeiten im neuen Alltag auftreten und was die Menschen ausmacht, die die Erschöpfungsspirale für immer hinter sich lassen. Kurz-Interviews mit Experten ordnen die individuellen Erfahrungen in ein breiteres Bild ein und erklären, welche Strategien sich am besten eignen. So ergibt sich ein umfassendes Bild davon, wie man nach einem Burnout zurück zu einem positiven Lebensgefühl findet und dafür sorgt, dass das auch so bleibt.