Träumer, Trödler, Zappelphilipp: Mein Kind hat AD(H)S

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Asset-Herausgeber

24.02.2019
Gabriele Strasser
1123

Ruhig sitzen, Jacke aufhängen, Hausaufgaben machen – vermeintlich simple Dinge können im Alltag zu großen Herausforderungen mutieren, wenn ein Kind ADS oder ADHS hat. Sabina Pahlke weiß Rat für verzweifelte Eltern. Die systemische Beraterin und AD(H)S-Expertin bietet für die Beschäftigten unserer Kundenunternehmen Webinare und Beratungswerkstätten zum Thema AD(H)S an.

Unkonzentriertes Kind

Frau Pahlke, ADS oder ADHS? Was ist der Unterschied?

Sabina Pahlke: Der wesentliche Unterschied ist, dass bei ADHS zu den Symptomen Unaufmerksamkeit und Impulsivität noch Hyperaktivität dazukommt. Aus diesem Grund werden Kinder mit ADHS als "Zappelphilippe" wahrgenommen, Kinder mit ADS erscheinen hingegen eher verträumt und in sich gekehrt. In der Regel spricht man von ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) mit oder ohne Hyperaktivität.
 

Was ist besonders, wenn ein Kind AD(H)S hat?

Bei Kindern mit AD(H)S gelingen die Informationsverarbeitung und das „In time“-Abrufen von Informationen in der Regel nicht gut. Ein extrem „offener“ Reizfilter lässt auch für die jeweilige Situation unwichtige Informationen ins Gehirn, im Extremfall sogar fast ausschließlich. AD(H)S zeigt sich häufig in sehr extremen Verhaltensweisen. So gibt es Kinder, die pedantisch Gegenstände ordnen und sortieren, für Ordnung im Kleiderschrank jedoch überhaupt kein Verständnis aufbringen. Im körperlichen Kontakt sind die Kinder oft distanzlos, andersherum reagieren sie jedoch vermeintlich extrem auf körperliche Annäherungen. Das kann für Gleichaltrige befremdlich sein und zu Ausgrenzung führen.
 

Sicher fragen sich viele Eltern, ob sie etwas falsch gemacht haben.

Da kann ich Eltern beruhigen: AD(H)S ist genetisch bedingt. Dass ein Kind AD(H)S hat, liegt weder an der Erziehung noch an irgendeinem Fehlverhalten während der Schwangerschaft. Allerdings können äußere Umweltfaktoren den Verlauf beeinflussen. Ein Alltag, der Kindern wenig Orientierung gibt, unklare Anforderungen an das Kind, permanent negatives Feedback und generell zu wenig Begleitung können eine vorhandene ADS-Symptomatik verstärken.
 

Was raten Sie Eltern zum alltäglichen Umgang mit ihrem Kind?

Wichtig ist ein positives Mantra: Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind sich keinesfalls absichtlich so verhält. Letztlich benötigen betroffene Kinder zur Automatisierung von Abläufen einfach zirka 100 Wiederholungen mehr als andere Kinder. Eltern brauchen einen langen Atem und sollten ihren Fokus immer nur auf wenige Themen legen. Ein Kind schafft eher etwas, wenn es mit „kleinen Häppchen“ an Informationen und Aufforderungen versorgt wird. 

Zu Hause und in der Schule können Motivationspläne eine gute Hilfestellung sein. Gerade bei ungeliebten Aufgaben wie etwa Zimmer aufräumen helfen externe Motivationsanreize. Eltern und Kinder finden durch Ausprobieren gemeinsam heraus, welche Anreize für sie und die jeweilige Situation am ehesten zum Erfolg führen.
 

Ein Problem ist oft die Schule. Was empfehlen Sie?

Jedes Kind hat ganz individuelle Fähigkeiten und Kompetenzen, so auch Kinder mit AD(H)S. Eltern können Lehrern mitteilen, was ihr Kind zu Hause besonders gut kann und welche Themen es besonders interessieren. Viele Lehrer sind bereit, diese Informationen im Unterricht zu berücksichtigen und die Stärken des Kindes zu fördern. Das stärkt den Selbstwert des betroffenen Kindes enorm.

Viele im Familienalltag erarbeitete Strukturen und Regeln können ein Ideen-Pool für den Lehrer sein. Im Gegenzug können Eltern die Lehrer um Hilfestellung bei der Auswahl des passenden Lernmaterials und Lernpensums bitten. Dabei gilt: Schule ist wichtig, doch ein Ausgleich muss sein. Gerade wenn es in der Schule „unrund“ läuft, müssen Erfolge und positive Rückmeldungen verstärkt aus Freizeit und Familie kommen.

 

Welche externe Unterstützung können sich Eltern holen?

Die Wartezeiten bei Kinder- und Jugendpsychiatern oder Sozialpädiatrischen Zentren, die die Diagnose erstellen, sind oft lang. Während der Wartezeit kann ein Kinderarzt erste Hilfestellungen geben. So sind gerade Ergotherapeutische Praxen inzwischen häufig mit den AD(H)S-Symptomen vertraut und bieten Hilfen an. Ein Rezept dafür kann der Kinderarzt ausstellen. Empfehlenswert ist auch, organische Ursachen durch den Kinderarzt ausschließen zu lassen – etwa Störungen an der Schilddrüse oder Allergien. Und Eltern können an Elterntrainings teilnehmen, die von Kirchenverbänden, Gemeinden und Arztpraxen angeboten werden.
 

Stichwort Ritalin: Müssen Medikamente sein?

Hier muss jedes Kind individuell betrachtet werden. Bei vielen macht eine gut eingestellte Medikation eine Umsetzung von Hilfestellungen und Interventionen überhaupt erst möglich. Doch auch die Begleitung durch einen Heilpraktiker, der sich mit der AD(H)S-Symptomatik gut auskennt, kann eine hervorragende Unterstützung sein.
 

AD(H)S ist anstrengend. Was können Eltern tun, wenn ihnen die Luft ausgeht?

Da habe ich ein paar ganz praktische Tipps: Sie können sich mit anderen Eltern tageweise bei der Betreuung der Kinder einschließlich der Hausaufgaben abwechseln. So verschaffen Sie sich eine kleine Pause für sich selbst. Gerade bei knappem Familienbudget kann eine von der Krankenkasse finanzierte Familienkur dringend benötigte Erholung verschaffen. Eltern sind oft eher ungeeignete Lernpartner für ihre Kinder, weil sie aufgrund ihres stressigen Alltags nicht die nötige Geduld aufbringen. Hier ist eine bezahlte Hausaufgaben- oder Lernhilfe eine große Entlastung. Sind Großeltern in der Nähe, kann man sie um Unterstützung bitten – bei der Betreuung der Kinder oder in Haushalt und Garten. Hier ist Kreativität genauso gefragt wie die Einsicht, dass Hilfe nötig ist.

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Sabina Pahlke ist NLP-Practitioner, systemische Beraterin und Supervisorin. Im Rahmen der pme Akademie bietet sie Webinare und Beratungswerkstätten zum Thema AD(H)S an.

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