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Porträtaufnahme der Philosophin und Schriftstellerin Thea Dorn
Lebenslagencoaching

Thea Dorn: „In der Not nicht ganz verlassen sein“

Was ist Trost und wo finden wir ihn? Und wie können wir andere trösten, wenn sie traurig sind? Fünf Fragen an die Philosophin und Schriftstellerin Thea Dorn.

Was ist Trost für Sie? Und wo finden Sie Trost, wenn Sie welchen brauchen?

Thea Dorn: Trost ist das Gefühl, in einer Not nicht ganz verlassen zu sein. Das Gefühl, da ist jemand oder etwas, was mich trägt, mich hält. Gläubige Menschen finden diesen Halt bei Gott, so wie es im Kirchenlied heißt: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“.

Mir persönlich fehlt der Glaube an einen alles tragenden, alles haltenden Gott. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, stellt sich allerdings häufig ein ähnliches Gefühl ein: Ich fühle mich winzig, unbedeutend und gleichzeitig im Ganzen aufgehoben. Deshalb ist dieses Gefühl der eigenen Nichtigkeit, auch der Nichtigkeit des eigenen Schmerzes, dann keine narzisstische Kränkung mehr, sondern tröstlich.

Ich fürchte, so lange ich mich für den Nabel der Welt halte, ist Trost unmöglich. Erst wenn es gelingt, von mir abzusehen, werde ich offen dafür. Oder noch allgemeiner gesagt: Trost ist die Kunst, sich selbst aufzugeben, ohne dabei ins Bodenlose zu stürzen.

Welchen Schmerz mussten wir während der Pandemie aushalten?

Thea Dorn: Es war und ist eine Vielzahl an Schmerzen und Ängsten, mit denen wir konfrontiert sind. Manche haben geliebte Menschen verloren. Manche konnten diese Menschen beim Sterben noch nicht einmal begleiten, weil die Krankenhäuser sich abgeschottet haben. Manche sind mit ihrer Trauer allein geblieben. Manche haben durch die Lockdowns ihre berufliche Existenz verloren. Manche sind in den Abgrund der Vereinsamung gerutscht. Manche, auch junge Menschen, haben den Glauben an eine Zukunft, die ein erfahrungsreiches Leben verspricht, verloren. Manche haben Angst, dass wir durch die Pandemie-Politik unsere freiheitliche Verfassung dauerhaft beschädigt haben.

Viele Menschen spürten ein Gefühlschaos in den vergangenen Monaten. Das hat viel Kraft gekostet. Wie können wir uns davon erholen?

Thea Dorn: Ich glaube, wir erleben ein Chaos auf zwei Ebenen. Viele haben sehr widersprüchliche Gefühle in sich selbst erfahren. Auf der einen Seite Angst vor dem Virus, der Wunsch, sich nicht anzustecken, die Verantwortung, keine anderen Menschen zu gefährden. Andererseits die Sehnsucht, ein Leben zu führen, das nicht ständig von Angst und Vorsicht dominiert ist, seine Freiheit im alltäglichen Leben zu erfahren, andere Menschen zu treffen, zum Sport oder in den Verein zu gehen usw. Diese inneren Konflikte, für die es keine einfachen Lösungen gibt, auszuhalten, erfordert in der Tat viel Kraft.

Gleichzeitig erleben wir, wie sich die Gräben innerhalb der Gesellschaft vertieft haben. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Politik der Pandemie-Eindämmung um jeden Preis begrüßen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die davon überzeugt sind, dass die Politik mit ihren Maßnahmen vielfach übers Ziel hinausgeschossen ist.

Das Chaos auf der gesellschaftlichen Ebene lässt sich nur überwinden, wenn es uns gelingt, Verständnis für die Ängste der jeweils anderen aufzubringen, anstatt die eigenen Ängste für die einzig berechtigten zu halten. Dies wiederum gelingt aber nur, wenn uns das Chaos in uns selbst weder in die Verzweiflung noch in die dogmatische Verhärtung treibt. Letzten Endes geht es darum, in einer Welt, die mehr Anlass zum Trüb- als zum Frohsinn bietet, sich dennoch eine gewisse Lebensleichtigkeit zu bewahren bzw. diese überhaupt erst zu gewinnen.

Wie können wir anderen Menschen Trost spenden?

Thea Dorn: Letztlich ist das Trösten ein ganz einfacher, ja fast archaischer Vorgang. Es geht darum, demjenigen, der in Not ist, der Schmerz empfindet, das Gefühl zu geben: Ich bin da, Du bist nicht allein. Am einfachsten geht dies durch physische Nähe. Deshalb war und ist Social Distancing ja solch ein gewaltiger Motor der Trostlosigkeit. Es ist kein Zufall, dass die tröstende Mutter und seit einer Weile auch der tröstende Vater, die ihr Kind im Arm wiegen, gewissermaßen die Urszene von Trost sind.

Zum Trösten gehören jedoch immer zwei: Der Unglückliche muss bereit sein, sich trösten zu lassen. Gerade wenn unser Schmerz durch etwas verursacht ist, was wir nicht einfach bloß als Unglück empfinden, das über uns hereingebrochen ist, sondern als Unrecht, das uns angetan wurde, reagieren wir erst einmal mit Zorn. Dann wollen wir nicht getröstet werden. Wir wollen, dass derjenige, der unser Unglück verursacht hat, zur Rechenschaft gezogen wird.

Das Trost-Problem des spätmodernen Menschen liegt eben hierin: In dem Maße, in dem wir immer weniger bereit sind, schlimme Geschehnisse für Schicksal zu halten, sondern fragen: „Wer ist schuld daran? Wer hat nicht verhindert, dass dies geschieht?“, werden wir tendenziell immer untröstlicher.

Was hilft Ihnen persönlich, um gut durch die dunkle Jahreszeit zu kommen?

Thea Dorn: Da geht es mir wie den meisten Menschen: drinnen im Warmen ein Licht anzünden, während es draußen kalt und finster ist. Ich wickele mich in eine Decke und lese. Oder noch besser: Ich höre Musik. Neben Freunden und Natur ist Musik für mich die dritte große Trösterin auf dieser Welt.

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