zu sehen ist die Autorin Angelina Boerger
Psyche

Haben jetzt eigentlich alle AD(H)S?

Angelina Boerger, Autorin von „Kirmes im Kopf“, erklärt im Interview warum die zunehmende Sichtbarkeit von AD(H)S kein Trend, sondern ein Zeichen für gerechtere Diagnostik ist. Sie spricht über unterschätzte Formen bei Frauen, persönliche Bewältigungsstrategien und wie Humor hilft, die "Kirmes im Kopf" zu meistern. Ein inspirierender Blick auf das Leben mit AD(H)S, der Mut macht und Missverständnisse ausräumt.

"Ich war selbst lange auf der Suche nach Hilfe"

Liebe Angelina, haben jetzt alle AD(H)S?

Nein. Aber wir erleben gerade, dass eine große Dunkelziffer sichtbar wird. AD(H)S wurde lange vor allem an einem recht engen Bild erforscht und erkannt, während viele Mädchen und Frauen mit anderen Ausprägungen oft übersehen wurden: eher verträumt als laut, innerlich unruhig statt nach außen auffällig, angepasst statt störend.

Viele haben deshalb erst sehr spät oder gar keine Diagnose bekommen und stattdessen gelernt, sich zusammenzureißen, sich zu maskieren oder ihre Schwierigkeiten als persönliches Versagen zu deuten.

Wenn heute mehr darüber gesprochen wird und mehr Menschen erkannt werden, heißt das nicht, dass plötzlich alle AD(H)S haben — es heißt vor allem, dass Diagnostik langsam differenzierter und ein bisschen gerechter wird.

Was war der Auslöser, deine persönlichen Erfahrungen mit deiner AD(H)S-Diagnose so offen und humorvoll mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Ich war selbst lange auf der Suche nach Hilfe, Antworten und Geschichten, in denen ich mich wirklich wiedererkennen konnte — und habe gemerkt, dass es diese Art von ehrlicher, humorvoller und gleichzeitig fundierter Darstellung zu dem Thema so noch kaum gab.

Also habe ich irgendwann angefangen, sie selbst zu machen. Dabei hat mir auch meine journalistische Ausbildung geholfen, persönliche Erfahrungen nicht nur zu erzählen, sondern sie einzuordnen, zu recherchieren und so aufzubereiten, dass andere sich darin vielleicht zum ersten Mal wirklich gesehen fühlen.

Welche Botschaft liegt dir live auf der Bühne besonders am Herzen, und was unterscheidet das Live-Erlebnis vom Buch?

Mir ist auf der Bühne besonders wichtig zu zeigen, dass AD(H)S nicht einfach ein persönliches Problem ist, das man nur endlich besser in den Griff kriegen muss, sondern auch ganz viel mit den Strukturen zu tun hat, in denen wir leben.

Ich will, dass Menschen lachen, sich wiedererkennen und im besten Fall gleichzeitig merken: Vielleicht bin nicht ich das Problem, vielleicht ist das System einfach verdammt schlecht darin, mit unterschiedlichen Gehirnen umzugehen.

Live ist das nochmal viel unmittelbarer als im Buch, weil man die Reaktionen direkt spürt, gemeinsam lachen kann und aus ganz vielen einzelnen Erfahrungen plötzlich ein kollektives Gefühl wird.

"Humor ist für mich auch eine echte Überlebensstrategie"

Welche Missverständnisse oder Stigmata über AD(H)S möchtest du unbedingt aufklären?

Ich möchte unbedingt mit diesem Bild aufräumen, dass AD(H)S einfach nur ein bisschen Zappeligkeit, Unpünktlichkeit und verlorene Schlüssel ist. Für viele ist es etwas, das tief in den Alltag, in Beziehungen, in den Selbstwert und in die eigene Biografie eingreift.

Und gleichzeitig ist AD(H)S eben nicht nur Defizit, sondern oft auch Kreativität, Intensität, Begeisterung und ein ganz eigener Blick auf die Welt — nur in einer Gesellschaft, die dafür oft viel zu wenig Platz macht.

 

Exklusiv für unsere Kund:innen: Erlebe Angelina Boerger live!

Angelina Boerger wurde im Erwachsenenalter mit ADHS diagnostiziert, teilt persönlich und humorvoll, was ADHS im Alltag bedeutet. Sie beleuchtet Stärken neurodivergenten Denkens – von kreativen Höhenflügen bis zu unkonventionellen Lösungen – und spricht offen über die Schattenseiten.

24.06.2026 von 18:30 – 20:00 Uhr 

Anmeldung: Kirmes im Kopf mit Angelina Boerger

 

Welche Strategien haben dir persönlich geholfen, mit den „Kirmes-Momenten" umzugehen und deine Stärken zu erkennen?

Am meisten geholfen hat mir, aufzuhören, mich ständig an Maßstäben zu messen, die nie für mein Gehirn gemacht waren. Ich musste lernen, dass ich nicht kaputt bin, sondern anders funktioniere — und dass ich nicht automatisch mehr Disziplin brauche, sondern oft eher andere Werkzeuge, bessere Bedingungen und deutlich weniger Selbsthass.

Und ganz ehrlich: Humor ist für mich auch eine echte Überlebensstrategie, weil man manche Dinge entweder dramatisch finden oder irgendwann mit einem liebevollen „natürlich ist genau das jetzt passiert“ nehmen kann.

Was würdest du jemandem raten, der gerade die Diagnose AD(H)S erhalten hat oder sich in deinen Beschreibungen wiederfindet und noch am Anfang seiner Reise steht?

Erst mal würde ich sagen: Du bist nicht faul, nicht falsch und auch nicht einfach nur „schlecht organisiert“. Eine Diagnose kann total viel sortieren, aber sie muss nicht sofort dein ganzes Leben erklären oder lösen. Es ist eher der Anfang davon, dich selbst mit etwas mehr Verständnis und etwas weniger Härte zu betrachten — und das kann schon wahnsinnig viel verändern.

Was bringt dir persönlich im Alltag die größte Freude oder hilft dir, neue Energie zu tanken, wenn der Kopf mal wieder besonders „Kirmes“ feiert?

Am meisten Energie geben mir oft erstaunlich unspektakuläre Dinge: gute Gespräche, Humor, Kreativität, schöne Räume, Musik oder Momente, in denen ich komplett in etwas versinke. Ich merke immer mehr, dass ich nicht dann auftanke, wenn ich mich besonders effizient verhalte, sondern wenn ich aufhöre, permanent gegen mein Gehirn zu arbeiten.

Manchmal heißt das Rückzug, manchmal Reize runterdrehen und manchmal einfach genau das machen, worauf mein Kopf gerade mit ehrlicher Begeisterung anspringt.

Inititiative Neurodiversität: Wunderwerk Gehirn

Neurodivergenz fühlt sich oft an wie ein unübersichtlicher Irrgarten. Unsere Initiative "Wunderwerk Gehirn" bringt Licht ins Ganze: Wir geben Orientierung, teilen fundiertes Wissen und schaffen Räume für Austausch auf Augenhöhe. Wir machen sichtbar, was neurodiverse Perspektiven wirklich ausmacht – und warum sie in Schule, Familie und Arbeitswelt nicht nur mitgedacht, sondern anerkannt werden müssen.