Führungskraft werden als Frau – kann ich das?
Empathisch, intelligent und reflektiert – aber reichen diese Eigenschaften, um mich auf die Stelle als Führungskraft zu bewerben? Führungskräftecoachin Nina Lizon weiß aus Erfahrung: Frauen zögern oft viel zu lange, bis sie den nächsten Karriereschritt gehen. Das sollte sich dringend ändern. Lesen Sie, was eine gute Führung ausmacht und wie Frauen sich auf die Rolle als Chefin gut vorbereiten können.
Text: Nina Lizon, Coachin und Trainerin | Redaktion: Sabrina Ludwig
Viele Frauen unterschätzen ihre Führungsqualitäten – moderne Führung verlangt Empathie, Kommunikation und Coaching‑Fähigkeit statt Dominanz.
Studien zeigen, dass Frauen in zentralen Leadership‑Kompetenzen oft stärker abschneiden und vielfältige Führungsteams wirtschaftlich erfolgreicher sind. Selbstzweifel oder Impostor‑Syndrom sind kein Ausschlusskriterium; Sichtbarkeit, Netzwerkaufbau und systematisches Üben von Führungsaufgaben bringen praxisnahen Aufstieg.
Lesen Sie in diesem Artikel:
- Warum Frauen die besseren Chefs sind
- Warum Frauen sich oft unterschätzen
- Impostor-Syndrom: Was es bedeutet und wie es wirkt
- Hilfreiche Fragen auf dem Weg zur Führungskraft
- Leadership-Kompetenzen: Was macht eine gute Chefin aus?
- So bereiten Sie sich auf Ihre Führungsrolle vor
- Dos and Don’ts für zukünftige Chefinnen (Schnellcheck)
- Fazit: Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
- Beispiel aus dem Coaching
- Buchtipps für Frauen in Führung und solche, die es werden wollen
- FAQ – Häufige Fragen
Drei Takeaways:
1. Moderne Führung belohnt Empathie, Kommunikationsstärke und Selbstreflexion — Kompetenzen, in denen viele Frauen besonders stark sind.
2. Selbstzweifel sind kein Ausschlusskriterium für Führung; sie können Verantwortungsbewusstsein signalisieren und Entwicklung anstoßen.
3. Sichtbarkeit, Netzwerken und bewusstes Annehmen von Verantwortung beschleunigen den Weg in Führungsrollen mehr als perfektes Warten
„Ich weiß nicht, ob ich eine gute Führungskraft wäre“. Diesen Satz höre ich erstaunlich oft von Frauen, die fachlich in ihrer Arbeit längst überzeugen. Frauen, die Teams koordinieren, Verantwortung übernehmen, Konflikte lösen, organisieren, vermitteln, Entscheidungen treffen und trotzdem denken:
"Vielleicht reicht es nicht für eine Führungsrolle. Ich bin nicht laut genug. Nicht überzeugend genug. Nicht dominant genug."
Warum Frauen die besseren Chefs sind
Dabei zeigen viele Studien seit Jahren ein anderes Bild: Gute Führung hat heutzutage weniger mit Lautstärke, Härte und Dominanz zu tun als früher. Gefragt sind Kommunikationsfähigkeit, emotionale Intelligenz, Perspektivwechsel, Selbstreflexion und die Fähigkeit, Menschen zu motivieren und durch Veränderung zu begleiten.
Studienergebnis 1: Weibliche Chefs punkten vor allem bei Empathie und Mitarbeiterbindung
Genau hier bringen viele Frauen starke Kompetenzen mit. So zeigte beispielsweise eine globale Studie der Beratung Korn Ferry Hay Group mit über 55.000 Befragten aus 90 Ländern, dass Frauen in vielen führungsrelevanten Kompetenzen höhere Werte erzielten, darunter emotionale Intelligenz, Empathie, Coachingfähigkeit und Beziehungsmanagement.
Untersucht wurden 12 emotionale und soziale Schlüsselkompetenzen. In 11 dieser 12 Bereiche erzielten Frauen signifikant höhere Werte. Besonders trat eine Kompetenz in Europa bei Frauen zutage: Mit 74 Prozent zeigten sie deutlich häufiger ein durchgehend empathisches Verhalten.
Zudem zeigte die Studie, dass emotionale Intelligenz einen großen Einfluss darauf hat, wie lange Mitarbeitende im Unternehmen bleiben. Je höher die soziale und emotionale Kompetenz der Chefs, desto eher engagieren sich Mitarbeitende und bleiben im Unternehmen.
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Studienergebnis 2: Frauen in Führung verbessern die Unternehmensperformance
Die Studie „Women in Business und Management: The business case for change“ der ILO aus dem Jahr 2019 belegte dieses Ergebnis: Ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen verbessert die Unternehmensperformance und erhöht die Attraktivität als Arbeitgeber. Über 57 Prozent der befragten Unternehmen bestätigten, dass Gender Diversity die Business Performance verbessert.
Auch aktuelle Untersuchungen von McKinsey zeigen, dass Unternehmen mit gemischten Führungsteams häufiger wirtschaftlich erfolgreich sind. Europäische Unternehmen mit höherer Diversität in Führungspositionen haben laut der Studie eine über 60 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.
Das Bild von guter Führung verändert sich. Und dabei profitiert die moderne Führung genau von den Eigenschaften, die lange eher unterschätzt wurden.
Warum Frauen sich oft unterschätzen
Trotzdem zögern viele Frauen, den nächsten Karriereschritt zu gehen und sich in Richtung Führung zu entwickeln. Nicht selten bewerben sich Frauen erst dann auf eine Führungsstelle, wenn sie nahezu alle Anforderungen erfüllen. Männer hingegen oft deutlich früher.
In meinen Coachings bemerke ich immer wieder, dass dahinter selten fehlende Kompetenz steckt.
Häufig geht es um innere Zweifel:
- „Bin ich wirklich gut genug?“
- „Kann ich mich in schwierigen Situationen durchsetzen?“
- „Was, wenn andere merken, dass ich unsicher bin?“
- „Will ich überhaupt ständig funktionieren müssen?“
Viele Frauen haben gelernt, eher bescheiden aufzutreten, sich nicht „zu wichtig“ zu nehmen und Harmonie aufrechtzuerhalten.
Führung wird gleichzeitig oft noch mit Eigenschaften verbunden, die traditionell eher männlich konnotiert sind: dominant, souverän, unerschütterlich.
17.06.26 | 11:00 – 12:00 Uhr
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Souverän führen heißt mit Zweifeln umgehen können
Doch moderne Führung funktioniert längst anders: Die besten Führungskräfte wirken nicht deshalb stark, weil sie nie zweifeln, sondern weil sie Verantwortung übernehmen, obwohl sie unsicher sind. Sie wirken souverän, weil sie wissen, wie sie mit ihren Zweifeln umgehen können, und weil sie daran wachsen und dadurch eine Vorbildfunktion ausüben.
Sie wollen klar und erfolgreich im Job kommunizieren? Lesen Sie unseren Artikel: Pyramidale Kommunikation: Klar kommunizieren als Frau im Job
Impostor-Syndrom: Was es bedeutet und wie es wirkt
Gerade erfolgreiche Frauen kennen das Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein, obwohl objektiv viel für sie spricht. Dieses Phänomen wird häufig als Impostor-Syndrom bezeichnet: die Angst, irgendwann „entlarvt“ zu werden.
Besonders spannend ist dabei: Selbstzweifel sagen wenig über tatsächliche Kompetenz aus. Oft erleben gerade reflektierte, verantwortungsvolle und kritikfähige Frauen diese Gedanken besonders stark.
Ein wichtiger Perspektivwechsel lautet deshalb: Selbstzweifel sind nicht automatisch ein Zeichen, dass ich nicht bereit bin für eine Führungsrolle. Im Gegenteil: Oft sind sie sogar ein Hinweis darauf, dass jemand Verantwortung ernst nimmt.
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Zu den Datenschutzeinstellungen »Hilfreiche Fragen auf dem Weg zur Führungsposition
Problematisch werden Zweifel erst dann, wenn sie dazu führen, Chancen dauerhaft nicht wahrzunehmen.
Hilfreiche Fragen auf dem Weg in eine Führungsposition können hier sein:
- Woran messe ich eigentlich, ob ich „bereit“ bin?
- Würde ich dieselben Maßstäbe auch an andere Frauen anlegen?
- Welche Fähigkeiten bringe ich möglicherweise längst mit, die für gute Führung wichtig sind?
- Was würde passieren, wenn ich mir Entwicklung statt Perfektion erlaube?
Denn Führung ist kein Zustand, den man irgendwann vollständig erreicht. Führung entwickelt sich in der Praxis, und wir entwickeln uns mit.
Was macht eine gute Chefin aus?
Eine gute Führungskraft schafft Orientierung. Sie kommuniziert klar. Sie bleibt auch unter Druck respektvoll. Sie kann Entscheidungen treffen, ohne unfehlbar zu sein. Und sie schafft ein wertschätzendes Umfeld, in dem Menschen motiviert arbeiten können.
Wichtige Leadership-Kompetenzen sind heute zum Beispiel:
- Klare Kommunikation
- Emotionale Intelligenz
- Selbstreflexion
- Konfliktfähigkeit
- Entscheidungsfähigkeit
- Umgang mit Unsicherheit und Veränderung
- Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen
- Prioritäten setzen
- Verantwortung übernehmen
Dabei geht es nicht darum, perfekt zu sein. Und ich muss mich auch nicht zwingend an anderen orientieren. Die wirksamsten Führungskräfte entwickeln meist einen individuellen Stil, der zu ihrer Persönlichkeit passt.
Hier begegne ich in meinen Coachings einem häufigen Vorurteil: Empathie und Klarheit schließen sich aus.
Aber authentische Führung bedeutet nicht, immer freundlich oder harmonisch zu sein. Führung bedeutet, klar zu kommunizieren und gleichzeitig menschlich zu bleiben. Und auf genau diese Herausforderung können sich Frauen gezielt vorbereiten.
So bereiten Sie sich auf Ihre Führungsrolle vor
1. Erhöhen Sie Ihre Sichtbarkeit
Karrierewege entstehen selten nur durch gute Leistung allein. Sichtbarkeit spielt ebenfalls eine Rolle. Viele Frauen arbeiten fleißig im Stillen und hoffen lange darauf, dass schon jemand bemerken wird, was sie leisten. Und dabei ziehen andere an ihnen vorbei. Denn Führungskarrieren profitieren davon, dass der Weg aktiv gestaltet wird.
Dazu gehört zum Beispiel:
- Eigene Stärken klar benennen können
- Verantwortung sichtbar übernehmen
- Netzwerke aufbauen
- Erfolge nicht kleinreden
- Feedback aktiv einholen
- Interesse an Entwicklungsgesprächen zeigen
- Mentoring nutzen
- Strategisch mitdenken
2. Reflektieren Sie Ihre Motivation
Ein wichtiger Schritt kann auch sein, die eigene Motivation zu hinterfragen:
- Möchte ich führen, weil es von mir erwartet wird oder weil ich wirklich gestalten möchte?
- Möchte ich führen, weil es mit Status und Anerkennung verbunden ist oder weil ich wirklich etwas bewirken möchte?
Dos and Don’ts für zukünftige Chefinnen (Schnellcheck)
Zum Abschluss lohnt sich ein Blick auf typische Denk- und Verhaltensmuster. Diese können Frauen auf dem Weg in Führung nämlich entweder stärken oder den Weg erschweren. Denn häufig sind es nicht fehlende Fähigkeiten, die den nächsten Karriereschritt verhindern, sondern innere Hürden, alte Glaubenssätze oder ungünstige Strategien im Umgang mit Verantwortung und Sichtbarkeit.
Die folgenden Dos and Don’ts sind dabei eine hilfreiche Orientierung, worauf zukünftige Führungskräfte besonders achten sollten:
Dos für zukünftige Führungskräfte:
- Den eigenen Führungsstil entwickeln, statt andere kopieren
- Klar kommunizieren, auch bei unangenehmen Themen
- Unterstützung und Austausch suchen
- Lernen, Fehler nicht mit persönlichem Versagen gleichzusetzen
- Sich sichtbar machen und Erfolge benennen
- Grenzen setzen und Prioritäten schützen
Don´ts für zukünftige Führungskräfte:
- Warten, bis absolute Sicherheit da ist
- Sich permanent mit anderen vergleichen
- Glauben, immer „perfekt und souverän“ wirken zu müssen
- Konflikte dauerhaft vermeiden
- Sich selbst kleinhalten, um sympathisch zu bleiben
- Führung mit permanenter Härte verwechseln
18.09.26 | 14:30 - 17:30 Uhr
In diesem Gruppencoaching setzen Sie sich intensiv mit Führungsfragen und Ihren Persönlichkeitsmerkmalen auseinander. Vorab erhalten Sie über ein Online-Tool Ihr individuelles LINC-Persönlichkeitsprofil, das Ihnen auf Basis des Big-Five-Modells ein detailliertes Bild Ihrer Charaktereigenschaften, Motive und Kompetenzen vermittelt.
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Warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist
Viele Frauen warten sehr lange auf den Moment, in dem sie sich vollständig bereit fühlen, in dem alles passt und alle Eventualitäten bedacht sind. Doch dieser Moment kommt oft nicht, denn irgendetwas gibt es immer, das nicht zu 100 Prozent passt.
Darum sollten sich noch mehr Frauen dazu entscheiden, sich Führung zuzutrauen. Völlige Sicherheit kann es nicht geben. Der erste Schritt in Richtung Führung bedeutet, auch mit Unsicherheiten umzugehen und sich zu erlauben, Schritt für Schritt in die Rolle hineinzuwachsen.
Beispiel aus dem Coaching
Eine Frau kommt zu mir ins Coaching, sie hat ihre erste Führungsposition angeboten bekommen und möchte eigentlich gerne "ja" sagen, aber es kommen Ängste und Zweifel auf, noch bevor sie ihre Rolle angetreten hat.
Sie weiß selbst: Wenn sie an ihren Selbstzweifeln nicht arbeitet, dann wird es ein viel härterer Kampf, als es sein müsste. Als sie zu mir kommt, hat sie bereits die typischen Anzeichen von Gedankenkarussell, schlaflose Nächte und Katastrophengedanken ("Ich werde bestimmt total versagen und alle werden über mich lachen.").
Wir haben im Coaching hauptsächlich daran gearbeitet, dass der Blick auf sich selbst wieder positiver wird (Stärken und Ressourcen erkennen und anerkennen) und dass sie mehr Gelassenheit bekommt, sich mehr Zeit lässt, in die Rolle hineinzufinden, dass sie auf ihre bisherigen Erfolge und auf ihr starkes Netzwerk vertraut und dass sie weiß, dass sie nicht alles sofort können muss.
Buchtipps
Jacinda Ardern: A different kind of power. Ein Memoir (2025)
Brene Brown: Dare to lead – Führung wagen (2023)
Anahita Esmailzadeh: Von Quotenfrauen und alten weißen Männern. Schluss mit Vorurteilen in der Arbeitswelt! (2023)
Machtgebiete. Was Managerinnen erleben und wie sie gegenhalten,(Hrsg. u.a. Anna Sophie Herken), 2025
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Häufige Fragen – FAQ
Bin ich bereit für eine Führungsrolle?
Prüfen Sie drei Dinge: 1) Können Sie Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen? 2) Können Sie Menschen motivieren und kommunizieren? 3) Sind Sie bereit, zu lernen statt perfekt zu sein? Wenn Sie mindestens zwei Punkte mit „ja“ beantworten, lohnt sich ein Schritt Richtung Führung.
Wie überwinde ich das Impostor‑Syndrom?
Erkennen Sie es als normales Gefühl, sammeln Sie konkrete Leistungsbelege (Feedback, Erfolge), teilen Sie Zweifel mit Mentor:innen und üben Sie, Lob anzunehmen. Kleine Erfolge systematisch zu dokumentieren stärkt das Selbstbild.
Welche ersten Schritte helfen sofort, Chefin zu werden?
Sichtbar werden: Erfolge benennen, freiwillig Verantwortung übernehmen, Netzwerke pflegen, Feedback aktiv einholen und Interesse an Entwicklungsgesprächen zeigen.
Welche Fähigkeiten sind für moderne Führung am wichtigsten?
Klare Kommunikation, emotionale Intelligenz, Selbstreflexion, Konfliktfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen und Veränderung zu begleiten.
Wie kann ich meine Führungskompetenzen ohne formale Rolle entwickeln?
Übernehmen Sie Projektverantwortung, mentoren Sie Junior-Kolleg:innen, suchen Sie Coaching- oder Peer‑Groups, üben Sie Feedback‑Gespräche und reflektieren Sie Entscheidungen in einem Lernjournal.
Was, wenn ich nicht „typisch dominant“ bin – reicht das trotzdem?
Ja. Moderne Führung benötigt keine Dominanz. Empathie, Coaching‑Fähigkeit und klare Kommunikation machen wirksame Führungskräfte — oft genau die Stärken, die Frauen mitbringen.