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Einsamkeit: Die unsichtbare Gefahr für Unternehmen

13.01.2020
Sabrina Ludwig
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Jeder sechste Deutsche fühlt sich oft einsam. Zugeben mag es aber kaum einer. Die Folge: ein Strudel aus Erschöpfung, Depression, Burnout – und schlechter Arbeitsleistung. Wie Unternehmen ihre Mitarbeiter*innen bei Einsamkeit unterstützen können – und was Sie selbst tun können, wenn Sie sich einsam fühlen.

„Als ich älter wurde, wusste ich, dass ich anders war als die anderen Mädchen, weil es in meinem Leben keine Küsse und Versprechen gab. Ich fühlte mich oft einsam und wollte sterben“, sagte die US-amerikanische Schauspielerin Marilyn Monroe.

Alleinsein, Zeit ohne andere Menschen verbringen: Das kann guttun. Wenn es aber wehtut, sogar dann, wenn man unter Menschen ist, dann ist es Einsamkeit. Und Einsamkeit macht krank. Chronische Einsamkeit ist so schädlich wie Alkoholismus oder 15 Zigaretten am Tag zu rauchen, sagt die amerikanische Psychologin Julianne Holt-Lunstad. Im Jahr 2010 wertete sie die Daten von mehr als 300.000 Probanden aus. Die Ergebnisse sind erschreckend: Wer sich dauerhaft einsam fühlt, ist häufiger erschöpft, leidet unter Entzündungen, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen und hohem Blutdruck.

 

Umbrüche im Leben können einsam machen

Einsamkeit tritt oft dann auf, wenn sich unser Leben verändert – und damit die sozialen Beziehungen, die es geprägt haben: durch einen Umzug in eine andere Stadt, nach der Kündigung des Jobs oder nachdem unser Partner uns verlassen hat. Wie auch bei Julian, 30 Jahre, der vor einem Jahr wegen eines neuen Jobs nach Frankfurt gezogen ist: „Ich bin sehr oft allein, da ich niemanden wirklich gut kenne in der Stadt. Meine Kollegen haben Familie und wohnen weit weg, am Wochenende bin ich oft alleine. Ich kenne nur die Kollegen aus der Marketing-Abteilung und habe keine Chance, andere Leute in der Firma kennenzulernen, die in meinem Alter sind. Ich hätte gerne einen Freundeskreis mit gleichen Interessen, die wie ich auch mal am Wochenende Zeit haben". Menschen, die sich wie Julian mehr sozialen Kontakt wünschen, gibt es viele. Beinahe jeder sechste Deutsche fühlt sich oft, jeder zweite zumindest manchmal einsam (Splendid Research, 2019).

 

Je erfolgreicher im Job, desto einsamer

Gefährdet sind auch diejenigen, die an der Spitze der Unternehmen stehen: Manager*innen und CEOs. Je mächtiger sie sind, umso weniger wollen ihre Kolleg*innen den neuesten Klatsch und Tratsch am Mittagstisch mit ihnen besprechen. Was das Ganze noch erschwert: Entscheidungen müssen an der Spitze meist alleine getroffen werden. „Führungspositionen sind leider einsame Positionen“, weiß auch Götz Mundle, Psychologe und Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit in Berlin. „Aber der Mensch braucht einen Ansprechpartner, wenn er persönliche Probleme hat. Das ist häufig gerade auf höchsten Ebenen nicht mehr gegeben. Familie, Freunde oder auch Vertraute im Büro sind hier entscheidend, denn die menschliche Seite einer Führungskraft muss Platz und Raum haben“. Fast die Hälfte aller Spitzenmanager erklärte in einer großen Befragung des Harvard Business Review, bisweilen einsam zu sein. Und 61 Prozent der Manager und 70 Prozent der „ehemaligen“ CEOs gaben zu, dass ihre Performance darunter litt.

 

Einsame Mitarbeiter*innen kosten ein Vermögen

Wer sich einsam und von der Welt isoliert fühlt, leistet im Job weniger. Das bestätigten auch Professoren von der California State University und der Wharton School of Business nach einer Stichprobe von 672 Arbeitnehmern. Einsamkeit habe „einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsleistung der Mitarbeiter, sowohl bei direkten Aufgaben als auch auf die Effektivität ihrer Mitarbeiter, Teams und ihrer Teamrollen (...)“. Einsamkeit sorgt also nicht nur für schlechte Leistungen, sondern beeinflusst auch das Verhalten anderer Menschen negativ. Das bestätigt auch die Kernaussage des Psychologen John Cacioppo: „Menschen, die sich einsam fühlen, empfinden die Welt als bedrohlich. Sie sind sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber sie hegen negative Gedanken über andere Personen. Sie verbreiten diese Gedanken durch ihren Gesichtsausdruck, ihre Gebärden, ihre Körpersprache oder Kommentare“. Die Folge: Die Leistungen ganzer Teams und Abteilungen können unter der Vereinsamung eines einzigen Kollegen leiden.

Außerdem sind Menschen, die sich einsam fühlen, weniger resilient. Das heißt, dass sie sich von Krisen, Problemen und Stressfaktoren in ihrem Leben schneller bedroht fühlen und ihnen hilflos gegenüberstehen. Statt Lebenskrisen als Chancen zu betrachten, brechen die Betroffenen unter der psychischen Last zusammen, geben auf und ziehen sich zurück. Fühlt sich jemand einsam, ist das Risiko einer psychischen Erkrankung besonders hoch.

Und das kostet Arbeitgeber viel Geld. Ein Blick auf die Zahlen genügt: Kranke Arbeitnehmer*innen kosten die deutsche Volkswirtschaft jährlich rund 225 Milliarden Euro oder etwa neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Studie der Felix-Burda-Stiftung).

 

Wie Unternehmen helfen können: Tabuzone verlassen

Vordergründig mag Einsamkeit das Problem des einzelnen Mitarbeiters sein. Chronische Einsamkeit sollten Führungskräfte und Arbeitgeber aber ernst nehmen. Denn die Betroffenen wissen oft nicht, wie sie alleine aus der Vereinsamung wieder herausfinden sollen. „Für die meisten ist es eine ziemlich große Herausforderung, nach Unterstützung zu fragen und offen über ihre Lebenssituation zu sprechen“, weiß Corina König, die als systemische Therapeutin und Coach beim pme Familienservice arbeitet. Einsamkeit haftet ein Stigma an. Sie ist peinlich und schambesetzt. Die Angst vor Bloßstellung ist groß. „Meinen Klienten war es sehr wichtig, dass niemand erfährt, wie einsam sie sich fühlen – aus Angst, von der Umgebung als sozial inkompetent eingestuft zu werden und dann noch einsamer zu werden“, sagt König. Statt zu handeln, ziehen sich viele Betroffene immer mehr zurück und versuchen die Fassade aufrechtzuerhalten. Kaum jemand in ihrer Umgebung merkt, wie sehr die Betroffenen leiden. Sie sind unsichtbar und versuchen es zu bleiben.

Damit das nicht passiere, ist es wichtig, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeiter*innen niedrigschwellige Hilfsangebote unterbreiten, bei der die Betroffenen keine großen Hürden nehmen müssen. Online- oder Telefonberatungen sind eine solche Hilfestellung. „Wir bieten unseren Kunden eine 24-Stunden-Hotline an, über die sie jederzeit anonym anrufen und mit speziell geschulten Berater*innen und Coaches sprechen können“, sagt König. „Schreiben oder rufen sie uns an und gestehen sich damit ein, dass sie sich einsam fühlen und aus der Isolation heraustreten möchten, ist das der erste wichtige Schritt“.

 

Einsamkeit überwinden: Kochkurs, Outdoor-Coaching, Netzwerktreffen

Gemeinsam mit ihren Klienten stellt sie dann ein individuelles Programm zusammen, das zu ihnen passt. „Für den einen mag ein Kochkurs mit anderen Menschen das richtige sein, für den anderen eher nicht“. Im Gepäck hat König deshalb verschiedene Angebote für Firmen wie Beratungswerkstätten, Workshops, Webinare und Netzwerktreffen, bei denen der Austausch und die Begegnung mit anderen Teilnehmer*innen im Vordergrund steht. Sehr gute Erfahrungen macht die Allgäuerin mit dem sogenannten Outdoor-Coaching: „Eine Wanderung im Wald oder in den Bergen ist eine wunderbare Möglichkeit, Glücksgefühle auszulösen. Durch die Bewegung setzt der Körper Endorphine, Dopamin und andere körpereigene Stoffe frei. So kommen die Menschen leichter in Kontakt und Bewegung. Und das ist es, worauf es ankommt: aktiv zu werden, selbst in Bewegung zu kommen und seine eigenen Methoden und Mittel zu entdecken, wie man aus der Einsamkeit wieder herausfindet.

 
Quellen:

 

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