„Ein Angehöriger ist kein Therapeut!“

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16.02.2021
Josephin Hartmann
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Vor 11 Jahren nahm sich Bundesligatorwart Robert Enke das Leben. Er litt mehrere Jahre an schweren Depressionen. Seine Frau Teresa gründete daraufhin die Robert-Enke-Stiftung, um die Krankheit in der Gesellschaft zu enttabuisieren. Im Interview spricht sie über das Krankheitsbild und wie Angehörige und Freunde einen Umgang damit finden.

Die Corona-Pandemie treibt sehr viele Menschen an ihre persönlichen Grenzen: Familien fuhren wochenlang auf Höchstleistung, manche Menschen verfielen in Einsamkeit, andere hatten Existenzängste. Wie halten wir uns mental am besten über Wasser?

Teresa Enke: Es ist schwierig, die Situation zu Hause zu bewerkstelligen. Die Menschen werden dieser Situation allmählich überdrüssig und haben keine Geduld mehr. Es ist wichtig, im Alltag zu bleiben. Am besten stellt man sich morgens den Wecker, macht sich und die Kinder fertig und hangelt sich an einem festen Tagesablauf entlang. Sonst besteht die Gefahr, dass man den ganzen Tag im Schlafanzug rumläuft. Ein anderer wichtiger Punkt ist das Kontakthalten zu anderen Personen. Immer mal wieder mit Familie, Freunden und Bekannten telefonieren. Der Austausch hilft über die schwere Zeit. Wir dürfen auf keinen Fall die Hoffnung aufgeben, dass es besser wird.

Das Gute an der Pandemie ist, dass viele Menschen sich jetzt ein Stück weit in die Lage eines Depressiven hineinversetzen können. Einige kämpfen gerade mit depressiven Verstimmungen, und merken, wie schwer das Gefühl von Einsamkeit sein kann oder welche Belastung Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit darstellen können.

Antriebslos, erschöpft, depressiv veAb wann sind diese Gefühle ernst zu nehmen und könnten auf eine ernsthafte psychische Erkrankung hinweisen?

Teresa Enke: Wenn man nichts Positives mehr sehen kann, es nicht mehr schafft, aus dem Bett zu kommen, keine Kontakte aufrechterhalten kann oder Dinge keinen Spaß mehr machen, die einem früher große Freude bereitet haben. Hat man das Gefühl, dass dieser Zustand nicht mehr aufhört, dann ist etwas nicht in Ordnung. Sobald der Mensch nicht mehr für sein Wohlbefinden sorgen kann, braucht er oder sie Hilfe.

Man muss auch bedenken, Depression ist eine Krankheit, die jede Altersschicht treffen kann. Es sind nicht immer Erwachsene, die mitten im Leben stehen, es kann bereits auch Kinder und Jugendliche erreichen. Deswegen müssen wir besonders gut auf sie aufpassen und gerade in Zeiten wie der Corona-Pandemie fragen, wie es ihnen geht. Es ist vor allem jetzt sehr wichtig, ihnen eine Struktur zu geben, Möglichkeiten des Sports oder der Musik aufzeigen und sie nicht mit Medienkonsum oder hohen schulischen Anforderungen allein zu lassen.

Was brauchen Menschen, die an einer Depression erkranken und was könnte ein erster Schritt in Richtung Heilung sein?

Teresa Enke: Wird tatsächlich eine Depression diagnostiziert, dann ist es ein Zusammenspiel aus dem Erkrankten, dem Therapeuten sowie Familie und Freunden. Eine regelmäßige Therapie ist natürlich wichtig, aber es kommt auf den Schweregrad der Depression an. Es gibt leichte depressive Phasen, wo man sich schlecht fühlt oder Probleme hat, den Alltag zu meistern. Das kostet viel Anstrengung, doch den Weg der Heilung kann man auch selbst schaffen. Dazu muss man wissen, was man tun muss, um da wieder raus zu kommen.

Wenn man einen schweren Verlauf hat, wie mein verstorbener Mann Robert damals, dann kann man nicht mehr für sich sorgen. Es fällt alles so schwer, dass sogar das Aufstehen am Morgen unmöglich erscheint. Leider ist die Erkrankung nicht so sichtbar wie zum Beispiel ein gebrochenes Bein, daher müssen sich an Depression erkrankte Menschen dafür rechtfertigen, warum sie nicht aufstehen.

Depressionen beeinflussen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Beziehungen zu Freunden und Familie. Was raten Sie Betroffenen und Außenstehenden, damit ihre Beziehung an der Krankheit nicht zerbricht?

Teresa Enke: Das ist ein schwieriger Grat. Für Angehörige ist es wichtig, da zu sein und dem anderen zu signalisieren: „Ich weiß, du bist krank, und ich helfe dir“. Außenstehende sollten immer wieder ihre Bereitschaft für gemeinsame Aktivitäten anbieten. Sie werden auch häufig abgewiesen werden, aber dies ist nicht persönlich zu nehmen, sondern hat mit der Erkrankung des Betroffenen zu tun. Daher empfehle ich immer im Kontakt zu bleiben, zu animieren, aber keinen Druck auf den Erkrankten auszuüben. Im Grunde schenken wir dem Betroffenen dadurch bedingungslose Empathie.

Wichtig ist auch, dass sich Angehörige nicht davon zermürben lassen, dass wenig Gefühle von dem Betroffenen zu einem gelangen. Es ist vor allem als Partner wichtig zu wissen, dass derjenige gerade krank ist. Das sollte man immer mit anderen Krankheiten vergleichen. Wenn mir zum Beispiel sehr übel ist oder ich starke Schmerzen habe, kann ich auch nicht verständnisvoll mit meinem Partner umgehen.

Einer Sache muss man sich immer bewusst sein: Ein Angehöriger ist kein Therapeut! Als Partner oder Freund kann man dem Betroffenen zur Seite stehen, ist aber nicht für die Heilung verantwortlich. Und: Auch Helfer brauchen Hilfe und müssen sich die Möglichkeit geben, ab und zu den eigenen Emotionen freien Lauf zu lassen.

 

"Es ist ein deutliches Alarmzeichen, wenn Erkrankte auf einmal wieder aufblühen."

 

Wie erkenne ich Suizidgedanken bei depressiven Menschen?

Teresa Enke: Wichtig ist, darüber offen zu sprechen. Mein verstorbener Mann und ich haben oft darüber gesprochen. Doch nicht immer äußern Betroffene ihre wahren Gedanken darüber. Daher lässt sich die Frage nicht generalisieren.

Was mir früher nicht klar war, aber heute ein deutliches Alarmzeichen für mich darstellt, ist, wenn Menschen, die sehr schwer krank sind, auf einmal wieder aufblühen. Das kann ein Indiz dafür sein, dass der Entschluss gefasst ist und somit die Tage vor dem Suizid leichter fallen. So war es auch bei Robbi. Grundsätzlich sind die Suizidabsichten eines Betroffenen immer ein medizinischer Notfall und behandlungsbedürftig.

 

Was tun, wenn Freunde oder Angehörige an Depressionen erkranken? "Ich empfehle immer im Kontakt zu bleiben, zu animieren, aber keinen Druck auf den Erkrankten auszuüben", rät Teresa Enke.
 

Sie haben nicht nur Ihren Mann, sondern auch Ihre Tochter verloren. Was hat Ihnen geholfen, diese Rückschläge zu überwinden?

Teresa Enke: Ich schaue immer nach vorn. Ich versuche in der Tragödie etwas Positives zu sehen. Die zwei Jahre mit meiner Tochter Lara waren hart, aber auch wunderschön, und ich würde sie immer wieder auf diesem Weg begleiten. Ihre Herzerkrankung hat uns damals dazu berufen, uns für andere herzkranke Kinder einzusetzen und ihnen zu helfen. Bis heute mache ich das auch mit der Robert-Enke-Stiftung.

Nach dem Tod von Robbi wusste ich, dass ich stark sein muss, denn ich hatte Verantwortung für unsere zweite Tochter Leila, die Familie und die Tiere. Ich habe zwar meine Trauer auch ausgelebt, aber ich wusste, ich muss weitermachen, sonst werde ich auch krank. Meine zweite Tochter Leila hat mir da ganz viel Kraft gegeben.

Was ist Ihre Definition von Glück?

Teresa Enke: Glück ist für mich ein Moment. Glücksmomente sind, wenn ich mit meinen Kindern in Portugal am Strand sitze und ins Meer schaue. Für mich ist es immer ganz toll, wenn alle zusammen sind: Kinder, Familie, Freunde, Hunde. Wenn man das bewusst wahrnimmt, dass man genau in diesem Moment zusammen ist, das ist für mich Glück!

 

Teresa Enke, Vorstandvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung und Frau des 2009 verstorbenen Bundesligatorwarts Robert Enke. Die Stiftung fördert Maßnahmen und Einrichtungen, die zur Aufklärung der Krankheit Depression und von Kinder-Herzkrankheiten dienen.

© Mandy Cherundolo

 

 

 

 

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