Projekte & Engagement

Gemeinsam mit unseren Betriebsärzten Dr. Christoph Ermert und Dr. Benedikt Ziegler unterstützt der pme Familienservice seit 2013 Projekte in Indien. Das erste Projekt war der Bau eines Hauses im indischen Dorf Mihindipur, das Kindern einen Platz zum Lernen bietet. 2015 übernahmen die pme Familienservice Gruppe und ihre Betriebsärzte übernehmen die Patenschaft für drei Mädchen. Eine Ausbildung zur Krankenschwester soll indischen Mädchen eine bessere Zukunft ermöglichen.

Rubina Khedekar huscht mit nackten Füßen durch die ungepflasterten und schmalen Gassen des Slums Dharavi in Mumbai. Den Menschen, denen sie hier in einem Labyrinth aus schiefen Wellblechhütten begegnet, drehen sich weg von ihr. Sie wollen sie nicht berühren. Das würde ein schlechtes Karma bedeuten. Rubina Khedekar, 18 Jahre alt und dünn wie eine Bohnenstange, gilt als unrein. Sie gehört zu den Dalits, die als „Unberührbare" in das hinduistische Kastensystem hineingeboren werden.

Der Name Rubina Khedekar ist erfunden. Ihr Schicksal nicht. Rund 16 Prozent der indischen Bevölkerung sind Dalits. Diskriminierung und Ausgrenzung gehören zu ihrem Alltag, sei es in der Schule oder auf der Straße. Aus dem Kastensystem auszubrechen, ist schier unmöglich. Seit rund 1 500 Jahren herrscht in Indien die Vorstellung: Alle Menschen sind ungleich. Indiens Verfassung hat die Unberührbarkeit zwar im Jahr 1949 offiziell abgeschafft. Doch das tägliche Leben bestimmt der Hinduismus, zu dem sich 80 Prozent der indischen Bevölkerung bekennen. Schon am Tag ihrer Geburt steht deshalb für viele Dalits fest, wie ihr Leben verläuft: arm und ohne Ausbildung – wie das Leben ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Tagsüber betteln die Kinder auf der Straße und sammeln Müll auf Abfallhalden und in Containern. Des Nachts schleichen ihre Väter mit Blecheimern durch die Hinterhöfe und leeren die stinkenden Latrinen der Hochkastigen.
 

Der Teufelskreis des Selbstbildnisses

Dalit-Frauen leiden gleich unter mehrfacher Diskriminierung: als Mitglieder der untersten Kaste und als Frauen. Ein großer Teil der indischen Dalit-Frauen sieht sich Beschimpfungen, körperlichen Übergriffen und sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Nicht selten passiert es, dass junge Dalit-Mädchen in Tempeln als »Devadasi« (Sklavin Gottes) für Männer aus „höheren" Kasten sexuell missbraucht werden. Immer wieder schreiben Zeitungen von gewalttätigen Übergriffen an indischen Frauen. Die Täter bleiben meist unbestraft. Oft werden sie von der örtlichen Polizei erst gar nicht gesucht. Ausgrenzung und Verachtung demütigen die Dalit-Frauen nicht nur, sondern tragen dazu bei, dass sie Opfer von Kinderarbeit und Ausbeutung werden. Laut Angaben von UNICEF und Human Rights Watch ist die Schulabbruchrate von Dalit-Mädchen höher als der nationale Durchschnitt. In vielen staatlichen Schulen dürfen die „unberührbaren" Schüler nicht in den Esssälen sitzen, manchmal müssen sie sogar ihr eigenes Geschirr mitnehmen.

Wer täglich hört und spürt, dass er nichts wert und gerade gut genug ist, um niedere Arbeiten zu verrichten, der glaubt das irgendwann auch und ergibt sich in ein Leben als Arbeitssklave. Die Aussichten diesem System zu entkommen, sind denkbar schlecht. Für Männer ist es schon aussichtslos, für Frauen undenkbar. „Einzig eine Schulausbildung und Ausbildung kann die Dalit-Frauen aus dem Teufelskreis der Unterdrückung und Ausbeutung herausziehen. Erst wenn sie von ihren traditionellen Tagelöhnerarbeiten getrennt werden, eine Ausbildung absolvieren und am Ende ihr eigenes Geld verdienen, kann sich das Selbstbild der Dalit-Frauen verbessern. Und sie können ein Vorbild werden für andere Dalits und ihnen zeigen, dass ein Leben in Würde möglich ist", erklärt Dr. Christoph Ermert.

 

Eine Ausbildung hilft vielen Menschen

Christoph Ermert ist Betriebsarzt beim pme Familienservice und arbeitet seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Organisation Ärzte für die Dritte Welt. Er kennt Indien und die vielen Schicksale seiner Bewohner und Bewohnerinnen. Jedes Jahr steigt er ins Flugzeug und besucht die indischen Projekte vor Ort, spricht mit den Menschen und hört, welche Nöte sie haben. Sein neues Projekt setzt bei den jungen Dalit-Frauen an. „Wir werden in den nächsten zwei Jahren drei jungen Frauen eine Ausbildung zur Krankenschwester ermöglichen. Alle Mädchen kommen ausnahmslos aus der absolut unterprivilegierten Schicht der Unberührbaren. Wir wollen diesen jungen Frauen, die unter normalen Bedingungen keine Chance hätten, dabei helfen ein selbstbestimmtes Leben zu führen," erklärt Ermert.
 


Auf dem Subkontinent ist die Ausbildung zur Krankenschwester vergleichbar mit dem deutschen Fachabitur. „Nach der Ausbildung werden sie über Einkommen verfügen, das vergleichbar ist mit dem unteren deutschen Mittelstand. Sie werden ihre Familien ernähren und wiederum ihren Kindern die Schule und eine Ausbildung finanzieren können", sagt Ermert. Ein Hoffnungsschimmer also in einer Welt, die normalerweise vom Schicksal vorbestimmt ist.

Das Stipendium kostet 685 Euro im Jahr. Ihre Ausbildung absolvieren die Frauen im „Center Krankenhaus" der Stadt Dumraon, das 1987 gegründet wurde und circa 140 km entfernt liegt von der heiligen Stadt Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Während ihrer Ausbildung durchlaufen die drei Frauen zwei Jahre lang verschiedene Stationen wie die Augen- und Zahnmedizin, die Gynäkologie und Hygienekurse. Dass die drei jungen Frauen nach ihrer Ausbildung eine Anstellung bekommen, daran zweifelt der Arzt nicht. „Die Qualität der Ausbildung und der dringende Bedarf in Indien nach medizinischem Fachpersonal sorgen dafür, dass sie auf dem Markt gut aufgestellt sind. Sie werden hundertprozentig einen Job bekommen. Daran besteht kein Zweifel", so Ermert.

Kommt das Projekt erst ins Rollen, finanziert es sich von selbst. „Die Mädchen, die ausgebildet werden, unterschreiben, dass sie einen Teil ihres späteren Einkommens in einen Fond einzahlen – ähnlich einem Förderungsdarlehen. Aus diesem Fond werden dann wiederum die nächsten Ausbildungen bezahlt. Es funktioniert wie eine Anschubfinanzierung", erklärt Dr. Ermert.