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Health Day Speakerin Bastienne Neumann
Body & Soul

Bastienne Neumann: "Wie ich mein Essverhalten geändert habe!"

Eine Tüte Chips und Netflix gehören einfach zusammen. Stress und eine große Portion Eis auch. Wir alle haben Essgewohnheiten und essen aus Langeweile, Stress oder weil wir uns belohnen wollen. Bastienne Neumann kennt das. Als Ernährungswissenschaftlerin hat sie ihr Essverhalten geändert und hilft Menschen, wieder gesund essen zu lernen.

Was hat dir zu einer gesunden Beziehung mit Essen am meisten geholfen?

Als ehemalige Judoka hatte ich schon recht früh eine komplizierte Beziehung zum Essen. Über Jahre hinweg habe ich bewusst und diszipliniert in mein Essverhalten eingegriffen, um meine Gewichtsklasse für Wettkämpfe zu erreichen bzw. zu halten. 

Auf der anderen Seite habe ich mich nach den Wettkämpfen oftmals mit Essen belohnt und ordentlich geschlemmt in den Monaten, in denen keine Wettkämpfe stattfanden. Es war also ein ständiges Auf und Ab. 

Als ich mich dann noch verletzte und mit dem Judo aufhören musste, kannte ich gar keinen Halt mehr beim Essen. Selbst wenn ich keinen körperlichen Hunger hatte, hatte ich ständig das Bedürfnis zu essen. Auch mein über die Jahre hinweg aufgebautes Ernährungswissen konnte mich davor nicht schützen. 

Und wann hat sich dein Essverhalten geändert?

Als ich mich dazu entschied, Ernährungswissenschaften zu studieren und dabei auf die Thematik der “Ernährungspsychologie” stieß, wandte sich das Blatt. Erstmals hinterfragte ich nicht nur, “was” ich aß, sondern auch, “warum” ich aß, und stellte fest, dass ich das Essen meistens zweckentfremdete. 

Ich nutzte Essen beispielsweise, um meine Emotionen und Stress zu kompensieren oder um mich zu belohnen. Mit dieser Erkenntnis hatte ich einen neuen Angriffspunkt und begann meine Beziehung zum Essen zu hinterfragen und aufzuarbeiten.

Aber ist es nicht auch Genuss, zu essen und manchmal Stress damit zu kompensieren?

Jeder von uns ist ab und zu ein Emotions- oder Stressesser, da Essen die Eigenschaft hat, Glückshormone auszuschütten, was uns positiv stimmt und beruhigen kann. Auch wenn wir uns dieser Wirkung nicht immer bewusst sind, machen wir häufig Gebrauch davon. 

Ich habe mir inzwischen viele Strategien erarbeitet, um anders als immer nur mit Essen auf herausfordernde Situationen zu reagieren, und würde sagen, dass mir das in 80 bis 90 Prozent der Fälle auch gelingt. In den anderen 10 bis 20 Prozent rutsche auch ich in alte Muster, vor allem dann, wenn neue und unbekannte Herausforderungen auf mich warten. Doch das bietet mir auch immer wieder die Möglichkeit, die Situation im Anschluss zu reflektieren und daraus zu lernen.

Du bist ja auch frisch gebackene Mama – herzlichen Glückwunsch! Bist du als Mutter auf neue Hürden gestoßen?

Danke für die Glückwünsche! Ja, eine Schwangerschaft sowie die neue Mutterrolle können definitiv solche neuen, herausfordernden Situationen sein, in denen man dann vermehrt isst. 

In meinem Fall habe ich großes Glück, da meine Tochter ziemlich entspannt und “pflegeleicht” ist, wodurch ich gar kein Essen benötige, um beispielsweise Stress zu regulieren. Mich ermutigt das Mama-Dasein sogar dahingehend, noch mehr auf meine Gesundheit zu achten und in Bezug aufs Essverhalten ein gutes Vorbild für meine Maus zu sein.

“Wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen auch nicht die Lösung”. Das ist wahrscheinlich der meistzitierte Satz von dir, aber er verdeutlicht die Thematik einfach so deutlich und schön!

Haha, ja das stimmt wahrscheinlich. Ich liebe diesen Satz aber auch wirklich sehr, da er das Problem vieler Leute auf den Punkt bringt. 

Häufig essen wir nämlich, wissen aber gar nicht so recht warum. Dabei kann genau diese Erkenntnis der Schlüssel sein, wenn man am eigenen Essverhalten arbeiten möchte.

Wenn also mal wieder ein Essimpuls kommt, kann es sehr hilfreich sein, kurz innezuhalten und sich zu fragen, weshalb man gerade essen möchte. “Bin ich wirklich hungrig? Oder fühle ich mich einsam und möchte mit dem Essen davon ablenken?”. 

Und wenn ich mich gerade einsam fühle, aber nur hungrig bin?

Wenn körperlicher Hunger hinter dem Essdrang steckt, sollte man selbstverständlich essen, da dies die Lösung des Problems “Hunger” ist. Stellt man jedoch fest, dass man aufgrund von Einsamkeit essen möchte oder weil man gelangweilt ist, so ist das Essen zwar eine Maßnahme, die das negative Gefühl kurzfristig erträglicher macht, doch eine wirkliche Lösung ist es nicht. Stattdessen sollte man sich überlegen, wie man das eigentliche Problem lösen könnte, statt zum Essen zu greifen. Denn wenn Hunger nicht das Problem ist, dann ist Essen auch nicht die Lösung.

Werden wir konkret: Ich sitze abends zu Hause vor dem Fernseher und möchte Chips essen. Was rätst du mir, um das zu vermeiden?

Auch hier ist es wichtig, zunächst zu verstehen, weshalb du in dieser Situation zu Chips greifst. Ist es eine Gewohnheit, und Chips gehören für dich zu einem gelungenen Fernsehabend einfach dazu, oder willst du dich mit den Chips für eine anstrengende Arbeitswoche belohnen? Je nachdem, was der Auslöser ist, ist das Vorgehen ein anderes. 

Bei Gewohnheiten könntest du beispielsweise daran arbeiten, die Chips bewusst durch eine gesündere Alternative zu ersetzen, um so neue Gewohnheiten aufzubauen. Das geht nicht von heute auf morgen, ist aber möglich.

Solltest du jedoch feststellen, dass du dich mit den Chips belohnst, dann hinterfrage, welche Ressourcen du neben dem Essen noch in deinem Leben hast, mit denen du dir etwas Gutes tun könntest. Möglicherweise wäre ein schönes Bad im Kerzenschein auch denkbar. 

Was bedeutet es eigentlich, “eine gute Beziehung” zum Essen zu haben? Dass ich den ganzen Tag alles essen kann, was ich möchte, ohne schlechtes Gewissen?

Ohne schlechtes Gewissen essen, ja. Allerdings nicht den ganzen Tag lang, sondern vorrangig nur dann, wenn dein Körper danach verlangt. 

Eine gesunde Beziehung zum Essen bedeutet für mich, dass man frei von Verboten das Essen wieder genießen kann, dabei allerdings auf seinen Körper und seine Bedürfnisse achtet, sprich auch nicht ständig weit über die Sättigung hinaus isst. 

Kannst du uns einen Tipp geben, wie man eine gesunde Beziehung zum Essen
aufbaut?

Wie bereits erwähnt, ist es super wichtig, mit körperlichen Signalen wie Hunger und Sättigung zu arbeiten, wenn man zurück zu einer gesunden Beziehung zum Essen kommen will. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, da viele Leute ihre körperlichen Signale kaum oder gar nicht mehr wahrnehmen. Deshalb zielt mein Tipp, den ich mitgeben möchte, darauf ab, zu lernen, diese Signale wieder wahrzunehmen.

Hierbei ist das achtsame Essen der absolute Schlüssel. 

Kannst du uns zum Schluss näher erklären, was du mit achtsamem Essen meinst?

Häufig essen wir nebenbei, sprich wir essen und gucken gleichzeitig Fernsehen, lesen ein Buch oder tippen auf dem Handy. Der Mensch hat jedoch nur eine begrenzte Aufmerksamkeitskapazität. Das heißt also, wenn wir mehrere Dinge gleichzeitig tun, nehmen wir das Erlebte weniger wahr. 

Essen wir also nebenbei, nehmen wir kaum wahr, wie viel wir eigentlich essen, geschweige denn wann unser Körper uns vermittelt, dass wir satt sind. 

Auch wenn es sich zu Beginn merkwürdig anfühlt, so sollte man neben dem Essen nichts anderes machen, um genug Aufmerksamkeit für diesen Prozess zu haben. 

Außerdem zählt zum achtsamen Essen das bewusste Schmecken und Wahrnehmen eines jeden Bissens dazu. Fokussiere dich auf den Geschmack, nimm die einzelnen Gewürze, Aromen und Konsistenzen wahr, und lass dir ausführlich Zeit beim Essen. Hierbei hilft auch das ausführliche Kauen. Es wird empfohlen, jeden Bissen mindestens 20 Mal zu kauen. Und zu guter Letzt gehört auch das bewusste Genießen und Zelebrieren des Essens dazu.

(Das Interview führten Giannina Schmelling und Kerstin Kuchmetzki.)

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