Hochsensibilität bei Kindern: Bedeutung und Hilfe für Eltern
Hochsensible Kinder fühlen intensiver, nehmen Reize stärker wahr und denken oft tiefgründiger als andere. Dieser Artikel erklärt, wie sich Hochsensibilität bei Kindern äußert, welche Ursachen dahinterstecken und wie Eltern ihr hochsensibles Kind stärken können.
Ein Beitrag von Ramona Krämer, Elternberaterin und systemische Familientherapeutin beim pme Familienservice.
Hochsensibilität bei Kindern zeigt sich dadurch, dass sie Reize und Emotionen besonders intensiv wahrnehmen und verarbeiten. Typische Anzeichen sind eine ausgeprägte Empathie, eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder Gerüchen sowie ein deutliches Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe. Die Ursachen liegen meist in einer speziellen genetischen und neurobiologischen Veranlagung.
Eltern können ihr hochsensibles Kind gezielt stärken, indem sie mit Verständnis reagieren, einen strukturierten Alltag bieten und die individuellen Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen.
Das erwartet Sie in diesem Beitrag:
- Was ist Hochsensibilität bei Kindern?
- Wie zeigt sich Hochsensibilität bei Kindern?
- Wie erkennt man Hochsensibilität bei Kindern? Test & Diagnose
- Was sind die Ursachen für Hochsensibilität bei Kindern?
- Welche Stärken haben hochsensible Kinder?
- Was brauchen hochsensible Kinder?
- Was Eltern tun können - 7 Tipps
- FAQ zu Hochsensbilität bei Kindern
Was ist Hochsensibilität bei Kindern?
Hochsensibilität beschreibt ein besonders feinfühliges Nervensystem, das auf äußere und innere Reize wie grelles Licht, Lärm, Gerüche oder Stimmungen sehr sensibel reagiert. Hochsensible Kinder sind oft schneller gestresst oder erschöpft, verarbeiten Informationen tiefer und benötigen mehr Zeit, um Eindrücke zu verarbeiten. Studien zeigen, dass sie besonders auf Details achten und ein ausgeprägtes Gefühlsleben haben.
Wie zeigt sich Hochsensibilität bei Kindern? Symptome im Alltag
Typische Symptome und Hinweise für Hochsensibilität im Kindesalter sind:
- Starke emotionale Reaktionen und Mitgefühl: Sie nehmen Stimmungen von Menschen besonders stark wahr, reagieren leidenschaftlich bei Ungerechtigkeit oder beim Konsum von Geschichten und Filmen und zeigen ausgeprägte Empathie.
- Überempfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken: Laute Geräusche, starke Gerüche, Licht, Berührungen oder bestimmte Kleidungsstücke (z. B. mit kratzenden Nähten) werden schnell als störend empfunden. Auch intensiver oder unangenehmer Geschmack kann beim Essen Probleme bereiten.
- Tiefe Verarbeitung und viele Fragen: Hochsensible Kinder stellen häufig ungewöhnlich viele und tiefgehende Fragen und durchdenken Situationen intensiv.
- Großes Bedürfnis nach Rückzug: Nach aufregenden oder lauten Situationen brauchen sie Ruhephasen und ziehen sich gern zurück, um Erlebtes zu verarbeiten.
"Besondere Ereignisse können sehr lange nachhallen. Hochsensible Kinder finden nach ereignisreichen Tagen schwer in den Schlaf und können auch in den Folgetagen noch Stressreaktionen zeigen" – Ramona Krämer, Elternberaterin und systemische Familientherapeutin beim pme Familienservice
- Probleme mit Veränderungen und Gruppen: Unerwartete Veränderungen, neue Situationen oder große Gruppen lösen schnell Unsicherheit oder Zurückhaltung aus.
- Perfektionismus und Gewissenhaftigkeit: Sie möchten es besonders „richtig“ machen, reagieren sensibel auf eigene Fehler und haben hohe Ansprüche an sich selbst.
- Hohe Sensibilität beim Thema Essen und Geschmack: Bestimmte Konsistenzen, Geschmäcker oder Gerüche bei Lebensmitteln werden intensiv wahrgenommen und oft abgelehnt.
"Hochsensible Kinder nehmen manchmal bereits kleinste Mengen von Gewürzen, Schärfe oder Salz wahr und empfinden diese als unangenehm und das Essen infolgedessen als ungenießbar." – Ramona Krämer
Wie erkennt man Hochsensibilität bei Kindern? Test & Diagnose
Da Hochsensibilität ein Charaktermerkmal ist und keine psychische Störung, gibt es keine offizielle medizinische Diagnose.
Eine Selbsteinschätzung anhand der Highly Sensitive Person Scale nach Elaine Aron ist daher nach wie vor die Basis für die Bestimmung einer Hochsensibilität. In Anlehnung daran gibt es auch einen Hochsensibilitäts-Test für Kinder, der Eltern hilft, Anzeichen zu erkennen.
Leidet das Kind unter typischen Merkmalen, kann der Gang zum/zur Kinder- und Jugendpsycholog:in sich dennoch lohnen, um eine genauere Einschätzung zu erhalten und ggf. von anderen diagnostizierbaren Störungen abzugrenzen. AD(H)S bei Kindern oder eine Autismus-Spektrum-Störung können sich in manchen Bereichen ähnlich äußern.
Was sind die Ursachen von Hochsensibilität?
Die Anlage zur Hochsensibilität ist meist genetisch bedingt – sie kann familiär gehäuft vorkommen. Neurobiologisch zeigen hochsensible Kinder eine höhere Konzentration von Noradrenalin im Blut und eine schnellere Ausschüttung von Adrenalin, werden also leichter in Erregung versetzt.
Die bewusste Reizunterdrückung ist weniger aktiv, wodurch mehr Informationen ungefiltert ins Bewusstsein dringen. Zudem zeigt das limbische System im Gehirn, das für Emotionen und Stressverarbeitung zuständig ist, eine erhöhte Aktivität.
Welche Stärken haben hochsensible Kinder?
Hochsensible Kinder tragen viele positive Eigenschaften und Stärken in sich, die sich im Alltag zeigen:
- Hohe Empathiefähigkeit
- Kreativität und ausgeprägte Intuition
- Starke Verknüpfung von Gedanken mit Bildern ("Big Picture")
- Detailliebe
- Stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und ethisches Bewusstsein
- Reflexionsfähigkeit und gründliches Abwägen
Diese Stärken ermöglichen es hochsensbilen Kindern, effizient, gründlich und mit viel Weitblick zu handeln.
Was brauchen hochsensible Kinder?
Damit sich hochsensible Kinder optimal entfalten und ihre Stärken einbringen können, brauchen Sie von ihren Bezugspersonen emotionale und strukturelle Unterstützung. Im Detail bedeutet das:
Emotionale Unterstützung für hochsensible Kinder
- Bedingungslose Liebe, Akzeptanz und die Sicherheit, ernst genommen zu werden
- Viel Bestätigung zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins, denn sie machen oft die Erfahrung, in ihrer Andersartigkeit nicht verstanden zu werden
- Positive Vorbilder im Umgang mit Emotionen
- Strategien, um sich ihr Ruhebedürfnis zu erfüllen und sich von unerwünschten Reizen und Gefühlen abzugrenzen
Strukturelle Unterstützung für hochsensbile Kinder
- Viel Ruhe und ausreichend Pausen, auch Ausflüge in die Natur tun ihnen gut
- Klare Abläufe, Rituale und eine reizreduzierte Umgebung (wenig Medienkonsum, genug unverplante Zeit, nicht zu viele Hobbys)
- Vorbereitung auf Neues oder Veränderung, die anstehen
- Rücksichtnahme auf individuelle Reizschwellen
7 Tipps wie Sie Elternteil Ihr hochsensibles Kind unterstützen
- Erkennen und akzeptieren Sie, dass Ihr Kind nicht absichtlich „schwierig“ ist.
- Vermeiden Sie Reizüberflutung, indem Sie Elektronik reduzieren, geordnete Räume schaffen und Ihrem Kind feste Rückzugsorte anbieten.
- Schaffen Sie im Alltag regelmäßig bewusste Ruhephasen und Pausen.
- Führen Sie Ihr Kind in herausfordernden Situationen klar und ruhig.
- Nehmen Sie die Wahrnehmung Ihres Kindes ernst, stellen Sie diese nicht in Frage oder werten sie ab.
- Suchen Sie den Austausch mit anderen Eltern und hinterfragen Sie gut gemeinte Ratschläge kritisch.
- Holen Sie sich Unterstützung, wenn die Belastung zu groß ist, zum Beispiel durch Beratungsangebote oder Austauschgruppen.
“Das hochsensible Kind – Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen” von Elaine N. Aron
“Hochsensible Kinder – Lösungen für 51 herausfordernde Alltagssituationen” von Johanna Hinze
Die pme-Elternberatung
Unsere Elternberater:innen begleiten Eltern in allen Fragen von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenwerden des Kindes. Persönlich und vertraulich: Wir sind online, telefonisch und vor Ort für Sie da. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite der pme Elternberatung.
FAQ zu Hochsensbilität bei Kindern
1. Woran erkenne ich, dass mein Kind hochsensibel ist?
Hochsensible Kinder reagieren besonders empfindlich auf Geräusche, Gerüche oder Stimmungen, zeigen starke Empathie und brauchen häufig Rückzugsmöglichkeiten.
2. Ist Hochsensibilität eine Krankheit?
Nein, Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.
3. Was hilft meinem hochsensiblen Kind im Alltag?
Feste Routinen, ruhige Rückzugsorte, verständnisvolle Kommunikation und gezielte Pausen fördern das Wohlbefinden hochsensibler Kinder.
4. Lässt sich Hochsensibilität durch Erziehung ändern?
Die Sensibilität selbst lässt sich nicht „aberziehen“, aber das Kind kann lernen, besser mit Reizen umzugehen und seine Stärken zu nutzen.
5. Sollte ich professionelle Hilfe suchen?
Wenn Unsicherheiten bestehen oder die Hochsensibilität zu Alltagsproblemen führt, kann Beratung durch Fachleute wie Kinder- und Jugendpsycholog:innen sinnvoll sein, um Unterstützung und Entlastung zu finden.