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Krebs am Arbeitsplatz: Wie Arbeitgeber unterstützen können

Wie kann ich als HR-Manager:in oder Führungskraft an Krebs erkrankte Kolleg:innen optimal unterstützen? Nils Hofert, Personalleiter des pme Familienservice und Meike Bukowski, Leiterin der Personalentwicklung beim pme Familienservice, erklären im Interview, wie Arbeitgeber und Führungskräfte betroffene Beschäftigte und deren Angehörige entlasten können.

Eine Statistik besagt, dass in Europa jeder dritte Mensch bis zum 76. Lebensjahr an Krebs erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit ist also sehr hoch, dass Arbeitgeber, Führungskräfte oder Teammitglieder mindestens einmal im Leben mit der Erkrankung konfrontiert werden – direkt oder indirekt. Die gute Nachricht ist jedoch: Laut der Deutschen Krebsgesellschaft kehren 60 Prozent aller Krebsüberlebenden nach der Therapie wieder in den Beruf zurück.  
 
Eine Krebserkrankung ist für die Betroffenen eine enorme psychische und physische Belastung. Viele stellen sich Fragen wie: Wird mein Team Verständnis haben, wenn ich ganz plötzlich ausfalle? Wird mein Chef akzeptieren, dass ich nach meiner Genesung vielleicht nicht mehr so arbeiten kann wie zuvor?  Ein unterstützendes Arbeitsumfeld und verantwortungsbewusstes Handeln von Führungskräften kann deshalb einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsumgebung haben und betroffene Beschäftigte hilfreich entlasten.

Ein Teammitglied erhält die Diagnose Krebs. Was sind erste Schritte, um  gut zu unterstützen?

Nils Hofert:  Zunächst hoffen wir, dass sich betroffene Teammitglieder vertrauensvoll an ihre Führungskraft, unsere Mitarbeiterinteressenvertretung oder an eine:n Kolleg:in ihres Vertrauens wenden. Uns ist es sehr wichtig, dass wir im Unternehmen ein offenes und vertrauensvolles Gesprächsklima gestalten, das von Empathie, Verständnis und aktivem Zuhören geprägt ist. Wir möchten unseren Teammitgliedern die Sicherheit vermitteln, dass wir ihnen in dieser Ausnahmesituation einfühlsam und hilfreich zur Seite stehen.

Die Teammitglieder sollen sich voll und ganz auf ihr Gesundwerden konzentrieren. Wir erleben, dass es dabei sehr hilft, arbeitsbezogene Sorgen von ihnen fernzuhalten und ihnen die Sicherheit zu geben, dass wir gemeinsam Wege finden, wie es gehen kann.

Meike Bukowski: Weiter ist es uns wichtig, unsere Teammitglieder in ihrer Unterschiedlichkeit zu respektieren und ihnen individuelle Unterstützung anzubieten. Mit der Erkrankung und den damit einhergehenden Ängsten klarzukommen und einen guten Umgang damit zu finden, braucht Zeit. Viele Teammitglieder benötigen einen Raum zum Erzählen und ganz viel Nähe und Sicherheit, andere sind an konkreten praktischen Unterstützungsformen sowie Klarheit über die nächsten Schritte interessiert, z. B. mögliche Beratungsleistungen durch das Unternehmen, finanzielle Unterstützung, Vertretungsregelung in ihrer Abwesenheit.

 

 

Was bietet der pme Familienservice an konkreter Unterstützung an?

Meike Bukowski: Wir bieten beispielsweise Angebote aus dem eigenen Dienstleistungsportfolio an wie verschiedene Krisenberatungen im Lebenslagen-Coaching, die BEM-Beratung oder gesundheitliche Entlastungsangebote. Eine finanzielle Unterstützung ermöglichen wir mithilfe unseres unternehmenseigenen Sozialfonds. 

Weiter befähigen wir unsere Führungskräfte in der Gesprächsführung mit schwer erkrankten und belasteten Teammitgliedern. Dazu bieten wir regelmäßig Kommunikationsschulungen an und haben den Führungskräften eine begleitende Checkliste für die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung dieser Gespräche an die Hand gegeben.

Aktuell informieren, sensibilisieren und schulen wir unsere Fachberater:innen aus dem Lebenslagencoaching, Betrieblichen Eingliederungsmanagement und Homecare-Eldercare in der psychoonkologischen Beratung für anfragende Kunden und für Beratungswünsche von Seiten unserer eigenen Teammitglieder.

Wie sollte das Team einbezogen werden, wenn ein ein:e Kolleg:in an Krebs erkrankt?

Nils Hofert: Neben der Fürsorge um das erkrankte Teammitglied müssen wir als Arbeitgeber auch deren Fehlen im Unternehmen bewältigen und die wirtschaftlichen Aspekte im Blick behalten. Die Kolleg:innen fallen in der Regel sehr plötzlich und für eine längere Zeit aus. In dieser Situation wird dem gesamten Team ein hohes Maß an Empathie, Feingefühl, Organisationsfähigkeit und Flexibilität abverlangt.

Daher ist es von Vorteil, das Team zeitnah einzubeziehen und offen und transparent über die Krankheit und die Veränderungen im Arbeitskontext zu kommunizieren. Was konkret kommuniziert werden darf, wird eng mit dem betroffenen Teammitglied besprochen.

Je früher alle Beteiligten eingebunden sind, umso besser können Abläufe und Prozesse angepasst werden.
 
Entscheidend sind daher konkrete Absprachen über das weitere Vorgehen:

  • Wie werden während der Erkrankung die Aufgaben des betroffenen Teammitglieds weitergeführt oder auf andere Teammitglieder umverteilt?
  • Wie erfolgt die Übergabe?
  • Wie bleiben wir im Kontakt während der Zeit der Abwesenheit?

 

Eine Krebsdiagnose ist eine enorme Belastung, psychisch und physisch. Wie können Arbeitgeber:innen Betroffene emotional unterstützen?

Meike Bukowski: Wir bleiben während der Abwesenheit der erkrankten Teammitglieder selbstverständlich mit ihnen im engen Kontakt. Wir besprechen vor ihrer Abwesenheit mit ihnen, ob und welche Kommunikationskanäle sie in welchem Rhythmus verwenden wollen.

Wenn das erkrankte Teammitglied es wünscht, besuchen wir es gern zu Hause oder im Krankenhaus. Wir schicken Genesungskarten, kleine Überraschungen und Aufmerksamkeiten wie Blumen oder kleine Geschenke. Wir laden erkrankte Teammitglieder zu besonderen Anlässen wie Teamfeiern, Frühstücksrunden, Geburtstagsfeiern oder Mitarbeiterversammlungen ein oder ermuntern sie, einfach so auf einen Kaffee vorbeizukommen. Wenn das Teammitglied es möchte, senden wir ihm auch den Unternehmens-Newsletter zu, so dass es immer up to date ist, was gerade im Unternehmen passiert. Die meisten Teammitglieder schätzen dieses Interesse sehr und fühlen sich eingebunden, wertgeschätzt und sehr zugehörig.

Grundsätzlich ist es wichtig, Themen wie schwere Erkrankungen selbstverständlich im Unternehmen aufzugreifen und so alle Teammitglieder im Umgang mit der Erkrankung zu sensibilisieren, zu informieren und zu schulen. Mit unserer aktuellen Krebskampagne „Unaussprechlich? Krebs im Arbeitsalltag“ rücken wir an Krebs erkrankte Beschäftigte und deren Angehörige in den Fokus.

Die Kampagne richtet sich zwar in erster Linie an unsere Kund:innen, sie wird jedoch auch intern sehr stark promotet, in verschiedenen Kanälen wie unserem Intranet oder dem firmeneigenen Social-Media-Kanal. Wir erhalten eine unglaublich positive Resonanz auf die Beiträge, Vorträge und Schulungsangebote und ermöglichen für zukünftige Situationen eine große Aufgeschlossenheit.

 

Wie erleichtert ihr betroffenen Teammitgliedern die Rückkehr in den Job?

Nils Hofert: Es ist toll zu sehen, dass viele Krebspatient:innen hoch motiviert sind und wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen. In diesem Prozess begleiten wir sie sehr eng und mit verschiedenen Akteur:innen.

Der Wiedereinstieg fängt in der Regel schon vor der konkreten Rückkehr an. Wir stellen den Teammitgliedern sofort eine BEM-Beraterin zur Seite, die auch während der Abwesenheit mögliche Ansprechpartner:in für die erkrankten Teammitglieder ist und den Wiedereingliederungsprozess begleitet. Wir schauen konkret und individuell, wie ein behutsamer  Wiedereinstieg – in der Regel nach dem Hamburger Modell  – gelingen kann.

Bei der Arbeitsorganisation des beruflichen Alltags hilft ein digitaler, angepasster Einarbeitungsplan und die Begleitung durch eine Mentorin.

Nach der Rückkehr passen wir bei Bedarf den Arbeitsplatz für eine gewisse Zeit an, indem wir z. B. die Aufgabenbereiche, die Verantwortlichkeiten und die Arbeitszeit reduzieren, wenn dies als förderlich gesehen und vom Teammitglied ebenfalls gewünscht wird.

Weiter schauen wir, welche flexiblen Arbeitszeitmodelle den Wiedereinstieg erleichtern. Wir bieten ganz unterschiedliche Teilzeitmodelle, Mobile Office oder auch Workation an, die es einem genesenen Teammitglied ermöglichen, zumindest teilweise von anderen Orten aus zu arbeiten und sich gleichzeitig zu erholen. Je nach Diagnose können wir in Abstimmung mit dem Betriebs- und dem Hausarzt eine „leidensgerechte Arbeitsumgebung“ einrichten und geben natürlich die Möglichkeit, jederzeit Facharzttermine wahrzunehmen. Bei schwerbehinderten Teammitgliedern achten wir auf die besonderen gesetzlichen Vorgaben und schöpfen zusätzliche externe Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten aus, z. B. durch das Integrationsamt. Unsere Schwerbehindertenvertretung steht den Teammitgliedern ebenfalls kompetent zur Verfügung.

Was kann ich als Arbeitgeber:in tun, wenn ein Teammitglied durch die Krankheit den bisherigen Aufgaben nicht mehr zu 100 % nachkommen kann?

Meike Bukowski:  Bei Rückkehr nach schwerer Krankheit funktionieren die wenigsten Menschen gleich wieder wie ein Uhrwerk. Sie brauchen Zeit, sich wieder einzufügen und den Arbeitsalltag zu organisieren Wir bieten unseren Führungskräften bei der Planung, Organisation und Begleitung der Wiedereingliederung Unterstützung durch unsere regionalen Personaler:innen und BEM-Berater:innen.

Gemeinsam mit dem Teammitglied sind folgende Aspekte zu klären:

  • Modell der Wiedereingliederung (Umfang, Stunden, Dauer)
  • Festlegung der Arbeitsaufgaben für die Zeit der Wiedereingliederung
  • Organisation der Einarbeitung und Begleitung durch das Team, ggf. Schulungsangebote
  • Anpassung der Ausstattung am Arbeitsplatz
  • Flexible Arbeitszeit-Modelle prüfen
  • Informationen ans Team
  • Festlegung von regelmäßigen Wiedereingliederungsgesprächen
  • Regelmäßiger Austausch mit allen Beteiligten
  • Eingliederung gelingt und ggf. Anpassung der Aufgaben

Wenn das Teammitglied mit Aufgaben überfordert ist, die es bis vor der Krankheit gut gemeistert hat, sollte der Arbeitgeber auch hier Verständnis zeigen und weitere Unterstützung anbieten in gemeinsamen BEM-Gesprächen mit dem/der BEM-Berater:in und der Führungskraft.

Auch ist eine Anpassung der Stellenbeschreibung inklusive der Arbeitsaufgaben eine gute Möglichkeit, die Person zu entlasten.

Was ist, wenn es einen Rückfall gibt bzw. ein erkranktes Teammitglied nicht zurückkehren kann?

Nils Hofert: Im Krankheitsverlauf kann es ein Auf und Ab geben. Hierauf sollten sich beide, das erkrankte Teammitglied und die Führungskraft, von Anfang an einstellen. Daher sollte regelmäßig geprüft werden, ob die Aufgaben noch zu bewältigen sind oder ob es sogar Sinn macht, die Person für andere Berufsfelder zu qualifizieren, die besser mit der Situation vereinbar sind. Dabei ist es sehr wichtig, das Teammitglied einzubeziehen und gemeinsam nach Alternativen zu suchen.

Wie unterstützt pme Teammitglieder, die einen krebskranken Angehörigen pflegen?

Nils Hofert: Wichtig ist Verständnis für die Situation des pflegenden Teammitglieds. Denn was ein Mensch in dieser Situation leisten muss, kann eine große persönliche Belastung für ihn sein. Die Krankenkassen zahlen gerade mal zehn Tage, um eine Pflege zu organisieren. Das reicht in der Regel nicht ansatzweise aus, um alles zu erledigen.

Wir bieten in diesen Fällen an, gegebenenfalls die Arbeitsinhalte oder -zeiten anzupassen, oder ermöglichen die flexible Gestaltung der Arbeitszeit im Rahmen des Jahresarbeitszeitkontos.

Außerdem können unsere Teammitglieder auch hier unsere hauseigenen Beratungsleistungen wie die Homecare-Eldercare-Beratung oder verschiedene Schulungen nutzen. Die Kolleg:innen helfen beispielsweise bei der Recherche von Unterstützungsangeboten. Teammitglieder können auch die psychosoziale Beratung und Begleitung durch unser Lebenslagencoaching nutzen, auch eine BEM-Beratung kann helfen. Sie ist nämlich nicht nur für den Fall da, wenn jemand bereits länger erkrankt ist, sondern unterstützt auch, damit es erst gar nicht zur Überlastung kommt.

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Zusammengefasst: 7 Tipps, wie Sie als Personalverantwortliche:r krebserkrankte Beschäftigte unterstützen können

 1. „Offene“ Gesprächsräume und /oder Vertrauensstellen etablieren

Binden Sie die Mitarbeiterinteressenvertretung oder eine:n Kolleg:in des Vertrauens ein. Bieten Sie erkrankten Teammitgliedern ein vertrauensvolles Gesprächsklima und Gesprächsräume, die von Empathie, Verständnis und aktivem Zuhören geprägt sind.

2. Schulungen für Führungskräfte anbieten wie „Umgang mit schwer erkrankten Teammitgliedern“

Erkrankt ein/e Kolleg/in schwer, müssen Führungskräfte schnell und souverän handeln.
Schulungen im Umgang mit erkrankten Kolleg:innen sind hierfür sehr hilfreich.

3. Betroffenen Beschäftigten individuelle Unterstützung/Gespräche bieten

Sprechen Sie mit dem betroffenen Teammitglied konkret über das weitere Vorgehen und stellen Sie sich folgende Fragen:

  • ​​​​​​​Wie werden während der Erkrankung die Aufgaben des betroffenen Teammitglieds weitergeführt oder auf andere Teammitglieder umverteilt?
  • Hat das kranke Teammitglied ein stützendes, hilfreiches soziales Umfeld?
  • Welche finanzielle, soziale oder gar emotionale Unterstützung  können Sie bieten?
  • Möchte das Teammitglied Unterstützung haben?
  • Wie soll die Kommunikation im Team aussehen?

4. Team einbeziehen (auf Wunsch)

Jedes Teammitglied geht unterschiedlich mit einer Erkrankung um. Einige ziehen sich komplett zurück, andere wiederum wollen weiterhin aktives Mitglied der Belegschaft bleiben. Sprechen Sie mit der erkrankten Kolleg:in, inwieweit das Team informiert sein darf und ob Kontakt in der Krankheitszeit gewünscht ist.

5. Verschiedene Unterstützungsmaßnahmen im Unternehmen einführen

Bieten Sie – wenn möglich - Unterstützungsangebote wie Krisenberatungen, die BEM-Beratung oder gesundheitliche Entlastungsangebote. Nicht zuletzt sollte der Arbeitgeber oder die Führungskraft immer ein offenes Ohr haben und dies auch aktiv kommunizieren.

6. Sanfte Wiedereingliederung ermöglichen

Bieten Sie – je nach Möglichkeit – flexible Arbeitszeitmodelle an wie Teilzeit, Mobile Office oder auch Workation und/oder richten Sie eine „leidensgerechte Arbeitsumgebung“ ein und geben Sie dem/der Rückkehrer:in die Möglichkeit, jederzeit Facharzttermin wahrzunehmen.
Erstellen Sie eine Checkliste zur Gesprächsführung mit länger erkrankten oder belasteten Teammitgliedern.
Führen Sie regelmäßige Wiedereingliederungsgespräche und Feedbackrunden durch und passen Sie die Aufgaben regelmäßig an.

7. Schwere Erkrankungen thematisieren

Gehen Sie offen in die Kommunikation. Thematisieren Sie schwere Erkrankungen und ihre Auswirkungen im Unternehmen, bspw. mit Fachvorträgen oder einer Kampagne. So geben Sie Teammitgliedern das Gefühl, auch schwere Zeiten zusammen zu meistern.

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