Wenn Kleinkinder kratzen, schlagen oder beißen

Hauen kratzen beißen Kleinkinder

23.09.2019
Gabriele Strasser
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Wenn Kleinkinder kratzen, beißen und schlagen kommt das meist so plötzlich, dass es nicht möglich ist, das angreifende Kind vorher zu stoppen. Eltern, Kinder und Pädagogen sind mitunter erschrocken, wie heftig manche Kinder andere attackieren. Lesen Sie, wie wir in den pme Lernwelten mit aggressivem Verhalten umgehen, und erfahren Sie von der Expertin Gabriele Haug-Schnabel, was hinter aggressivem Verhalten bei Kleinkindern steckt.

Ein zerkratztes Gesicht oder Bisswunden tun weh, sind längere Zeit sichtbar und lösen bei Eltern und  Pädagogen oft Wut auf den Angreifer und Sorge um das (eigene) betroffene Kind aus. Eltern, deren Kinder sich aggressiv verhalten, fühlen sich oft hilflos oder geben sich die Schuld für das „Fehlverhalten“ des eigenen Kindes.

In der Pädagogik der pme Lernwelten geht es nicht darum, Aggressionen und Konflikte zu unterbinden. Sie gehören zum alltäglichen Miteinander. Ohne Konflikte können Kinder keine Strategien für deren Bewältigung entwickeln. Deshalb wollen wir die Kinder dabei unterstützen, angemessene Reaktionen bei Konflikten und Aggressionen zu erlernen.

Aggressive Verhaltensweisen treten bei Kindern zwischen ein und fünf Jahren häufig entwicklungsbedingt auf und verschwinden dann wieder. Manchmal sind sie Ausdruck von Gefühlen, die das Kind sprachlich noch nicht äußern kann, oder sie stellen den Versuch dar, eine soziale Verhaltensweise zu „testen“. Beißen ist manchmal eine Begleiterscheinung des Zahnens.

Uns ist es wichtig, immer beide Kinder zu sehen. Beide Kinder – das verletzte Kind und das Kind, das gekratzt, gebissen, geschubst oder geschlagen hat - haben mit Herausforderungen umzugehen. Wir helfen ihnen, diese zu bewältigen.

 

Wichtig: schnelles, gezieltes Handeln

Bei all diesen aggressiven Verhaltensformen ist es uns wichtig, schnell und gezielt zu handeln. Wir haben deshalb Standards für das pädagogische Handeln unserer Fachkräfte im Ernstfall entwickelt. Trost und Wundversorgung für das betroffene Kind stehen dabei immer an erster Stelle, aber auch das Kind, das sich aggressiv verhält, begleiten wir. Wir belohnen ein solches Verhalten keineswegs, aber wir grenzen  ein Kind deshalb niemals aus.

Wenn Kinder beißen, kratzen oder schlagen, beobachten wir sehr genau:

  • Was ist dem Verhalten vorausgegangen?
  • Wer hat sich in der Nähe des aggressiven Kindes aufgehalten? Wer ist mitbetroffen?
  • Wo kommt es zu dem Verhalten?
  • Wann tritt das Verhalten auf? Wann nicht?
  • Wie lange hält das Verhalten an? 

Zudem achten wir darauf, was dem Kind in unserer Kita gut tut:

  • Verlangt es nach Nähe?
  • Will es Bewegung oder braucht es Ruhe?
  • Sucht es Bestätigung?

Wir reflektieren daraufhin unseren Alltag: Wo gibt es potenzielle Stresssituationen und räumliche Engstellen? Wie können wir hier zum Beispiel durch eine veränderte Raumgestaltung oder die Situation entspannende Maßnahmen im Tagesablauf vorbeugend tätig sein?

 

Expertin Gabriele Haug-Schnabel: Das steckt dahinter, wenn sich Kleinkinder aggressiv verhalten 

Die entwicklungsbedingten Ursachen und Motive für aggressives Verhalten bei Kindern unter 3 Jahren sind herausfordernd.

Beginnt ein Kleinstkind zu weinen, versichern sich Gleichaltrige in  seiner Nähe der Anwesenheit und Zugewandtheit ihrer Bezugspersonen und beginnen oft ebenfalls zu weinen. Der Grund hierfür ist die angeborene Gefühlsansteckung, die in verunsichernden Situationen durch Irritation und Angst gestartet wird. Sie ist zwar auch eine Art Mitempfinden, aber ohne dass das „angesteckte“ Kind erkennt, dass das subjektive Empfinden einer anderen Person die Ursache seiner Verunsicherung ist. Lieber mitweinen, wenn in meiner Nähe Unerwartetes passiert, denn dann bekomme auch ich Hilfe.

Erst zwischen 15 und 24 Monaten wird sich ein Kind immer mehr seiner selbst und seines Tuns bewusst. Erst jetzt kann es in einer Situation zwischen seinen eigenen Plänen und seinem Empfinden und den Gefühlen und Absichten eines anderen Kindes unterscheiden und diese voneinander trennen.

Hier handelt es sich um einen Entwicklungsquantensprung: die Selbstbewusstheit startet. Das Kind wird sich seiner Empfindungen und Aktionen bewusst und kann ein mitempfundenes Gefühl auf den/die eigentlich Betroffene/n beziehen. Das bedeutet, es kann nun über die Empfindungen und Absichten anderer – getrennt von seinen eigenen – nachdenken.

Erst jetzt stellt sich die Frage, ob eine gegen ein anderes Kind gerichtete Aggression „absichtlich“, d. h. mit Schädigungsabsicht war, was selten der Fall ist. Meist geht es nur darum, das eigene „Unglücklich-Sein“ zu beenden! Das andere Mädchen, der andere Junge sollen einfach weggehen, nicht mehr stören!

Jetzt ist im Entwicklungsverlauf vorgesehen, dass sich Kinder – dank des startenden Ich-Bewusstseins – immer mehr Orientierung, Wissen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Freiräume verschaffen – auch gegen Widerstände!

Ein Scheitern, ein Stopp oder eine Einmischung bewirken in diesem Alter für einige Übergangswochen einen Zusammenbruch, da das Kind anfangs bei der Durchsetzung seiner Vorstellung nach starrem Muster vorgehen  muss: Es kann sich noch nicht situativen Gegebenheiten anpassen oder auf Wünsche anderer, die seinen Plan stören, eingehen. Zudem ist es in seinem Spiel kognitiv, emotional und motivational so engagiert, dass es für einen Abbruch oder eine kleine Abänderung seines Vorhabens zu spät ist. Seine Vorstellungskapazität reicht für einen alternativen Handlungsverlauf noch nicht aus.

Je verständnisvoller diese Situationen zu Hause und in der Krippe begleitet werden, desto schneller können die Kinder diese kognitiv-soziale Hürde nehmen.

 

Dr. habil. Gabriele Haug-Schnabel ist Leiterin und Mitinhaberin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM, GdbR) sowie Autorin und Referentin zum Thema „Kindliches Verhalten“