Folge 51: KI in der Schule: Lernen wir noch selbst?
Was kann KI beim Lernen wirklich leisten, wo wird es problematisch und wie können Eltern und Lehrkräfte Kinder begleiten, ohne selbst Informatik studiert zu haben? In dieser Podcast-Folge ist der Podcaster und Bildungsinfluencer Bob Blume zu Gast, vielen bekannt als der „Netzlehrer“.
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Zu den Datenschutzeinstellungen »Darum geht’s in dieser Podcast-Folge:
- Wie KI Kinder beim Lernen unterstützen kann
- Welche Rolle Lehrkräfte als Mentor:innen, Impulsgeber:innen und Motivator:innen in Zeiten von KI spielen
- Warum Lernen stärker ins Zentrum der Schule rücken sollte und Hausaufgaben nichts zuhause zu suchen haben
- Wie Eltern ihre Kinder beim Umgang mit KI begleiten können
- Warum KI die Schule nicht automatisch besser macht – und welche Veränderungen dafür notwendig wären
Bob Blume ist Gymnasiallehrer, Bildungsinfluencer und SPIEGEL-Bestsellerautor von „Warum noch lernen?“. Er setzt sich für eine Schule ein, in der Lernen und Chancengerechtigkeit wichtiger sind als reiner Stoff und Noten. Mit großer Reichweite in Social Media macht er Bildungsthemen sichtbar und bringt die Perspektive des Klassenzimmers in die öffentliche Debatte.
Auszug aus dem Podcast-Interview "KI in der Schule":
Oliver: Wenn KI eine Schülerin oder ein Schüler wäre, wo würde sie sitzen? Ganz vorne so streberhaft, hinten ganz chaotisch oder in der Mitte mit gefährlichem Halbwissen?
Bob Blume: In der Mitte mit gefährlichem Halbwissen. Das ist zugleich der eigentliche Punkt, auf den wir später noch zu sprechen kommen. Die Frage ist gut, aber die wichtigste Antwort lautet: KI ist kein Mensch. Wenn wir über KI sprechen, müssen wir deshalb immer auch fragen: Wo bleibt das Menschliche? Ich glaube, das sollten wir im Hinterkopf behalten.
Und es wurde zahlreich und auf unterschiedliche Weise bewiesen, dass KI halluziniert, also irgendwelche Dinge erfindet wie zum Beispiel Forscher, die es nicht gibt. Andererseits ist es Halbwissen, das heißt, zur Hälfte funktioniert es sehr gut.
Ich möchte das Potenzial von KI nicht schlecht reden. Man kann sie sich, selbst wenn man sie noch nie benutzt hat, vielleicht als eine Art großen Verstärker vorstellen: KI verstärkt das, was jemand vorher schon gut konnte.
Wer die Antworten der KI beurteilen kann, kann sich mit ihrer Hilfe also durchaus weiterentwickeln. Man kann aber auch deutlich weniger lernen, wenn man sich zu sehr auf die KI verlässt und sich dadurch selbst täuscht. Genau darin liegt das Problem dieses nicht ganz streberhaften, halbwissenden KI-Schülers in der Mitte der Klasse.
24.09.2026 | 18:30-20:00 Uhr
Bob Blume zeigt, wie Schule ein Ort werden kann, der nicht sortiert und reproduziert, sondern berührt, befähigt und Chancen eröffnet – gerade für diejenigen, die sonst durchs Raster fallen.
Anmeldung für Kunden des pme Familienservice: Bob Blume: Warum noch lernen?
Konkretes Beispiel: Biotest und KI als Lernpartner
Oliver: Nehmen wir einen Biotest in der 7. Klasse zum Thema Verdauung: Wie könnten wir KI nutzen, um das Kind beim Lernen zu unterstützen?
Bob Blume: Wenn wir diesen Biotest nehmen, gibt es wahrscheinlich viele Aufschriebe und Informationen, die man im Buch nachschlagen muss. Dann sagt man dem Kind: „Setz dich hin und lerne.“ Das ist aber nicht wirklich strategisch.
Ich könnte beispielsweise die KI mit allen Inhalten füttern und sagen: „Erstelle daraus einen Lernplan für einen, drei oder fünf Tage.“ Ich könnte sie außerdem bitten, aus diesen Inhalten einen Multiple-Choice-Test zu erstellen. Das wäre zwar die einfachste Anwendung, aber plötzlich hätte ich einen Lernhelfer.
Es gibt Programme wie zum Beispiel NotebookLM von Google. Bei allem, was ich jetzt sage, schließe ich ethisch und datenschutzrechtlich nicht konforme Anwendungen aus. Das müsste man zusätzlich beachten.
In NotebookLM könnte ich die Aufschriebe, Informationen und Quellen hinterlegen und sagen: „Erstelle daraus eine Mindmap“, um die Inhalte zu visualisieren. Ich könnte auch sagen: „Erstelle mir einen Podcast.“ Dann sprechen plötzlich zwei Menschen auf Deutsch über die Themen meines Biotests. Eine Stimme könnte sagen: „Das ist ja hier ganz schön viel.“ Darauf antwortet eine weibliche Stimme: „Ja, das stimmt. Aber fangen wir bei den Knochen an.“ Theoretisch könnte das Kind dann während eines 15-minütigen Spaziergangs den gesamten Stoff üben. Es gibt sogar die Möglichkeit, ein Video erstellen zu lassen.
Eine dritte Ebene wäre ein Dialog mit der KI. Dafür braucht man eine leistungsfähige KI. Man könnte ihr beispielsweise den Befehl geben: „Wenn ich eine Frage nicht vollständig beantworte, sage mir bitte, dass meine Antwort zu unpräzise ist, und frage noch einmal nach.“
Dann sitzt man als Lernender da und hat plötzlich einen idealen Lernpartner – ideal nicht im Sinne von Menschlichkeit, sondern in dem Sinne, dass die KI einen immer dort abholt, wo man gerade steht. Und all das ist keine Zukunftsmusik.
Oliver: Wie können Lehrkräfte KI sinnvoll einsetzen, um Schüler:innen individueller zu unterstützen und ihre Lernprozesse besser zu begleiten?
Bob Blume: Man spricht dabei von adaptiven Tutorsystemen. KI kann dadurch, dass bestimmte Lernprozesse automatisiert werden, etwas leisten, wozu Lehrkräfte oft nicht in der Lage sind: Sie kann jedes Mal prüfen, an welchem Punkt ein Schüler oder eine Schülerin gerade steht und was er oder sie momentan braucht.
Das habe ich als Lehrkraft übrigens auch selbst gemacht, und zwar im Deutschunterricht. Ich habe ein Programm genutzt, mit dem Schülerinnen und Schüler Feedback zu ihren geschriebenen Texten erhielten. Die Kategorien hatte ich zuvor erstellt, und sie waren für die Schülerinnen und Schüler transparent.
Das ist deshalb so interessant, weil ich als Lehrer dadurch eine andere, sehr sinnvolle Rolle einnehme. Der Schüler bekommt zum Beispiel die Rückmeldung: „Dein Argument ist schon sehr stimmig, aber du solltest daran arbeiten, differenzierter auf das Thema einzugehen.“ Das ist eine hilfreiche Rückmeldung. Ich hätte sonst gar nicht gewusst, wie lange ich hätte lesen müssen, um zu erkennen, dass Marco Schwierigkeiten damit hat, Argumente zu differenzieren.
Lehrkräfte geben solche Rückmeldungen meistens nur einmal, nämlich bei der Klassenarbeit. Dann ist es jedoch zu spät. Der entscheidende Punkt ist: Vielleicht weiß Marco gar nicht genau, was mit „Differenzierung“ gemeint ist. Dann gehe ich als Lehrer zu ihm und sage: „Spannend. Ich erkläre dir kurz, was damit gemeint ist. Jetzt probiere es noch einmal und überarbeite deinen Text. Danach komme ich noch einmal zu dir.“
So habe ich plötzlich die Möglichkeit, sehr viel genauer zu erkennen, wo die Probleme der einzelnen Schülerinnen und Schüler liegen, und gezielt nachzusteuern.
Die Hausaufgaben sind tot – KI und Gerechtigkeit
Oliver: Wie verändern sich aus deiner Sicht Hausaufgaben durch KI? Was wäre eine gute Hausaufgabe, mit Unterstützung von KI.
Bob Blume: Die Hausaufgaben sind tot. Das habe ich am 23.01.2023 gesagt. Drei Jahre später hat der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes gesagt, wir haben vielleicht ein Problem mit den Hausaufgaben. Seine Lösung, Schülerinnen und Schüler müssen Hausaufgaben von Hand schreiben, weil man dann mit KI nicht mehr bescheißen kann.
Hausaufgaben waren schon immer ein Problem, weil sie den Lernprozess dorthin verlagern, wo die Menschen unterschiedliche Voraussetzungen haben. Entweder hast du einen Vater oder eine Mutter mit Akademikerhintergrund, entweder hast du Nachhilfe oder nicht. Und jetzt kann man sagen, entweder du hast das beste und neueste Bezahlmodell von Claude, Chetchipiti oder Gemini oder du hast es nicht. Das ist ein Problem.
Meine gesamte These in meinem Buch „Warum noch lernen“ ist, das Lernen ins Zentrum der Schule. Denn dort, wo es schwierig wird, können wir nicht sagen, jetzt machst du das als Hausaufgabe. Wir müssen als Lehrer:innen dabei sein.
Oliver: Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, gut mit KI umzugehen? Wenn ich 15 Minuten mit meinem Kind hätte, um es an KI heranzuführen – was sollte ich tun?
Bob Blume: In meinem Elternbuch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ gibt es ein ganzes Kapitel zu KI und ein weiteres zur Medienbildung. Bei Medienbildung geht es nicht nur um technische Fragen wie „Wie funktioniert das?“, sondern auch um eine bestimmte Haltung.
Vertrauen ist dabei wichtig. Die allerwichtigste Fähigkeit für Eltern ist meiner Meinung nach Interesse – zunächst ohne Bewertung. Viele Kinder sind vielleicht schon weit oder denken, dass sie weit sind. Viele Erwachsene haben dagegen das Gefühl, sie müssten bereits weiter sein. Wenn sie es nicht sind, ist es ihnen peinlich, und sie lassen es lieber bleiben.
Es geht darum, Interesse an den Medienwelten der Kinder zu zeigen: „Warum machst du das? Erklär mir das bitte. Ich verstehe es nicht.“ Natürlich kann man kritisch nachfragen, wenn man etwas nicht gut findet. Das bedeutet nicht, dass man nichts verbieten darf. Entscheidend ist, dass wir als Erwachsene nicht aufgrund unserer eigenen Prägung sofort alles bewerten.
Was KI betrifft, geht es ebenfalls um Interesse und Transparenz. Man kann gemeinsam ausprobieren: „Lass uns einmal schauen, was die KI ausgibt. Was passiert, wenn wir sie fragen: Kannst du mir diese Aufgabe besser erklären?“ Wenn man dafür Zeit hat, sollte man gemeinsam reflektieren – auch wenn das ein großes Wort ist.
Im Grunde bedeutet es nur, zu prüfen: Hilft mir das? Macht es mich besser? Oder habe ich danach nur das Gefühl, etwas zu können, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht so ist? Das ist eine Frage von Interesse und Vertrauen.
Oliver: Gibt es etwas, das Kinder im Umgang mit KI intuitiv besser können als Erwachsene?
Bob Blume: Ja, ich glaube: naiv sein. Es gibt Erwachsene, die sich nicht an KI herantrauen, weil sie denken: „Dafür muss ich mich erst einmal gründlich einarbeiten.“
Kinder gehen dagegen oft unbefangener an die Sache heran. Sie denken: „Ich stelle einfach eine Frage und schaue, was dabei herauskommt.“ Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, stellen sie eine weitere Frage.
Manchmal vergleiche ich ihren Umgang mit KI mit Dobby, dem Hauselfen aus Harry Potter. Kinder gehen intuitiv an die Sache heran und haben nicht das Gefühl, etwas falsch machen zu können. Gerade im Umgang mit neuen Technologien ist das ein großer Vorteil.