Träumer, Trödler, Zappelphillipp: Mein Kind hat AD(H)S?
Zähne putzen, Jacke aufhängen, Hausaufgaben machen – vermeintlich simple Dinge können im Alltag zu großen Herausforderungen werden, wenn ein Kind ADS oder AD(H)S hat. Sabina Pahlke weiß Rat für besorgte Eltern. Die systemische Beraterin und AD(H)S-Expertin bietet für die Mitarbeitenden unserer Kooperationspartner:innen Webinare und Coachings zum Thema AD(H)S an. Im Interview erklärt sie, wie sich die ADS-Symptomatik bei Kindern zeigt und gibt Tipps.
Zusammenfassung: Wie erkenne ich, dass ein Kind ADS hat?
„Träumer“ beschreibt den vorwiegend unaufmerksamen Typ von AD(H)S: Kinder wirken abwesend und zeigen eher innere Unruhe statt sichtbares Zappeln. Im Alltag fällt Erschöpfungs‑ und Verzögerungsverhalten auf (langsames Arbeitstempo, verzögerte Antworten, Rückzug). Hilfreich sind kleine Aufgabenpakete, klare Zeitlimits und geduldige Begleitung. Bei Rückzug oder anhaltenden Leistungsproblemen sollten Eltern die Symptomatik fachlich abklären lassen.
Frau Pahlke, ADS oder ADHS? Was ist der Unterschied?
Sabina Pahlke: Der wesentliche Unterschied ist, dass bei ADHS zu den Symptomen Unaufmerksamkeit und Impulsivität noch Hyperaktivität dazukommt. Aus diesem Grund werden Kinder mit ADHS als "Zappelphilippe" wahrgenommen, Kinder mit ADS erscheinen hingegen eher verträumt und in sich gekehrt. In der Regel spricht man von ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) mit oder ohne Hyperaktivität.
Was ist besonders, wenn ein Kind AD(H)S hat?
Sabina Pahlke: Bei Kindern mit AD(H)S gelingen die Informationsverarbeitung und das „In time“-Abrufen von Informationen in der Regel nicht gut. Ein extrem „offener“ Reizfilter lässt auch für die jeweilige Situation unwichtige Informationen ins Gehirn, im Extremfall sogar fast ausschließlich. AD(H)S zeigt sich häufig in sehr extremen Verhaltensweisen. So gibt es Kinder, die pedantisch Gegenstände ordnen und sortieren, für Ordnung im Kleiderschrank jedoch überhaupt kein Verständnis aufbringen. Im körperlichen Kontakt sind die Kinder oft distanzlos, andersherum reagieren sie jedoch vermeintlich extrem auf körperliche Annäherungen. Das kann für Gleichaltrige befremdlich sein und zu Ausgrenzung führen.
Worin unterscheidet sich ein „Träumer“ von einem „Zappelphilipp“ oder „Trödler“ bei AD(H)S?
Sabina Pahlke: Kinder vom eher unaufmerksamen Typ werden durchaus als insgesamt langsamer erlebt. Die "Hypoaktivität" zeigt sich in der Regel bereits im Mutterleib und setzt sich nach der Geburt fort. Die Kinder erscheinen oft "abwesend" und fallen eher weniger auf, außer bei erhöhter Impulsivität im Verhalten. Ein gutes Buch zu diesem Typ gibt es von Helga Simchen: "ADS - unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat". Einen guten Überblick zur ADS-Symptomatik gibt auch die Homepage von ADHS Deutschland
Wie erleben Eltern das Träumen ihres Kindes im Alltag (Schule, Zuhause, Freizeit)?
Die betroffenen Kinder zeigen andere Symptome. Aus meiner Beratungserfahrung, ohne statistische Beweise:
- Die Kinder ermüden schnell.
- Die Unruhe ist körperlich durch eher kleine "Signale" sichtbar.
- Sie können auf Fragen nicht schnell antworten, finden nicht sofort die richtigen Worte.
- Die motorische Entwicklung oft etwas verlangsamt.
- Das Arbeitstempo ist extrem langsam, z. B. bei den Hausaufgaben.
- Sie spielen lieber alleine oder mit nur einem Freund oder einer Freundin.
- Mannschaftssportarten werden oft als Überforderung erlebt, Einzelsportarten dagegen eher angenommen.
Welche konkreten Strategien helfen Eltern, träumerische Phasen im Alltag (Schule, Hausaufgaben) zu begleiten?
- Mit der Schule festlegen, wie lange ein Kind insgesamt Hausaufgaben machen soll und evtl. "kleinere" Päckchen für das betroffene Kind erbitten
- In der Schule: keine Gruppentische, kein Platz am Fenster (rausschauen und wegträumen vorprogrammiert)
- Kleine "Anschubser" durch die Lehrkraft (z. B. eine kleine Berührung an der Schulter, wenn das für alle in Ordnung ist)
- Am Platz des Kindes vorbeilaufen und kurz auf den Tisch klopfen, ansprechen und um kurze Reaktion bitten
- Eltern sollten geduldig bleiben, ihre Anforderungen in Päckchen packen, ihr Kind liebevoll begleiten und die Dinge, die gut laufen, sehr fördern.
Wie können Eltern Träumen positiv nutzen (z. B. für Kreativität oder Lernen)?
Sabina Pahlke: Das ist sehr individuell und entsprechend gilt für alle Kinder: die Stärken stärken und loben!
Welche Warnsignale zeigen, dass Träumen problematisch wird und professionelle Hilfe nötig ist?
Sabina Pahlke: Bei ausreichender Intelligenz schaffen es die betroffenen Kinder oft noch durch die Grundschule. Spätestens danach wird es problematisch, und es sollte rechtzeitig ein diagnostischer Prozess angestrebt werden, um dem Kind helfen zu können.
Wenn also schon im Kindergarten ein Kind lieber alleine in der Bau- oder Puzzleecke spielt, schnell weint, sich zurückzieht, scheinbar wenig mitbekommt und gleichzeitig unauffällig ist, sollten alle hellhörig werden und einen zweiten Blick wagen.
Sicher fragen sich viele Eltern, ob sie etwas falsch gemacht haben.
Sabina Pahlke: Da kann ich Eltern beruhigen: AD(H)S ist genetisch bedingt. Dass ein Kind AD(H)S hat, liegt weder an der Erziehung noch an irgendeinem Fehlverhalten während der Schwangerschaft. Allerdings können äußere Umweltfaktoren den Verlauf beeinflussen.
Ein Alltag, der Kindern wenig Orientierung gibt, unklare Anforderungen an das Kind, permanent negatives Feedback und generell zu wenig Begleitung können eine vorhandene ADS-Symptomatik verstärken.
Was raten Sie Eltern zum alltäglichen Umgang mit ihrem Kind?
Sabina Pahlke: Wichtig ist ein positives Mantra: Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind sich keinesfalls absichtlich so verhält. Letztlich benötigen betroffene Kinder zur Automatisierung von Abläufen einfach ca. 100 Wiederholungen mehr als andere Kinder.
Eltern brauchen einen langen Atem und sollten ihren Fokus immer nur auf wenige Themen legen. Ein Kind schafft eher etwas, wenn es mit „kleinen Häppchen“ an Informationen und Aufforderungen versorgt wird.
Zu Hause und in der Schule können Motivationspläne eine gute Hilfestellung sein. Gerade bei ungeliebten Aufgaben wie etwa Zimmer aufräumen helfen externe Motivationsanreize. Eltern und Kinder finden durch Ausprobieren gemeinsam heraus, welche Anreize für sie und die jeweilige Situation am ehesten zum Erfolg führen.
Ein Problem ist oft die Schule. Was empfehlen Sie?
Sabina Pahlke: Jedes Kind hat ganz individuelle Fähigkeiten und Kompetenzen, so auch Kinder mit AD(H)S. Eltern können Lehrern mitteilen, was ihr Kind zu Hause besonders gut kann und welche Themen es besonders interessieren. Viele Lehrer sind bereit, diese Informationen im Unterricht zu berücksichtigen und die Stärken des Kindes zu fördern. Das stärkt den Selbstwert des betroffenen Kindes enorm.
Viele im Familienalltag erarbeitete Strukturen und Regeln können ein Ideen-Pool für den Lehrer sein. Im Gegenzug können Eltern die Lehrer um Hilfestellung bei der Auswahl des passenden Lernmaterials und Lernpensums bitten. Dabei gilt: Schule ist wichtig, doch ein Ausgleich muss sein. Gerade wenn es in der Schule „unrund“ läuft, müssen Erfolge und positive Rückmeldungen verstärkt aus Freizeit und Familie kommen.
Welche externe Unterstützung können sich Eltern holen?
Sabina Pahlke: Die Wartezeiten bei Kinder- und Jugendpsychiatern oder Sozialpädiatrischen Zentren, die die Diagnose erstellen, sind oft lang. Während der Wartezeit kann ein Kinderarzt erste Hilfestellungen geben. So sind gerade ergotherapeutische Praxen inzwischen häufig mit den AD(H)S-Symptomen vertraut und bieten Hilfen an.
Ein Rezept dafür kann der Kinderarzt ausstellen. Empfehlenswert ist auch, organische Ursachen durch den Kinderarzt ausschließen zu lassen – etwa Störungen an der Schilddrüse oder Allergien. Und Eltern können an Elterntrainings teilnehmen, die von Kirchenverbänden, Gemeinden und Arztpraxen angeboten werden.
Stichwort Ritalin: Was halten Sie von Medikamenten?
Sabina Pahlke: Hier muss jedes Kind individuell betrachtet werden. Bei vielen macht eine gut eingestellte Medikation eine Umsetzung von Hilfestellungen und Interventionen überhaupt erst möglich. Doch auch die Begleitung durch einen Heilpraktiker, der sich mit der AD(H)S-Symptomatik gut auskennt, kann eine hervorragende Unterstützung sein.
AD(H)S ist anstrengend. Was können Eltern tun, wenn ihnen die Luft ausgeht?
Sabina Pahlke: Da habe ich ein paar ganz praktische Tipps: Sie können sich mit anderen Eltern tageweise bei der Betreuung der Kinder einschließlich der Hausaufgaben abwechseln. So verschaffen Sie sich eine kleine Pause für sich selbst. Gerade bei knappem Familienbudget kann eine von der Krankenkasse finanzierte Familienkur dringend benötigte Erholung verschaffen.
Eltern sind oft eher ungeeignete Lernpartner für ihre Kinder, weil sie aufgrund ihres stressigen Alltags nicht die nötige Geduld aufbringen. Hier ist eine bezahlte Hausaufgaben- oder Lernhilfe eine große Entlastung. Sind Großeltern in der Nähe, kann man sie um Unterstützung bitten – bei der Betreuung der Kinder oder in Haushalt und Garten. Hier ist Kreativität genauso gefragt wie die Einsicht, dass Hilfe nötig ist.
FAQ - Wie erkennt man Kinder mit ADS?
Was bedeutet „Träumer“ bei Kindern mit AD(H)S?
„Träumer“ beschreibt den vorwiegend unaufmerksamen Typ von AD(H)S. Das Kind wirkt abwesend und hat eher innere Unruhe statt sichtbare Hyperaktivität.
Worin unterscheidet sich ein „Träumer“ von einem „Zappelphilipp“ oder „Trödler“?
Der „Träumer“ ist eher langsam und abwesend, der „Zappelphilipp“ zeigt deutliche körperliche Unruhe; „Trödler“ betonen verlangsamtes Arbeitstempo.
Wie erleben Eltern das Träumen im Alltag?
Eltern berichten oft von schnellem Ermüden, langsamem Arbeitstempo, verzögerten Antworten und eher zurückgezogenem Spielverhalten.
Welche Strategien helfen bei Schule und Hausaufgaben?
Kleine Arbeitspakete, feste Zeitlimits, Platz weg vom Fenster und regelmäßige, dezente Erinnerungen durch Lehrkräfte oder Eltern.
Wie können Eltern Träumen positiv nutzen?
Fördern und loben Sie kreative Stärken und individuelle Interessen — Stärken stärken hilft Motivation und Selbstwert.
Wann ist professionelle Hilfe nötig?
Wenn Rückzug, andauernde Überforderung oder Leistungsprobleme sichtbar werden (z. B. ab der weiterführenden Schule), bitte fachlich abklären lassen.
Unsere Elternberater:innen begleiten Eltern in allen Fragen von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenwerden des Kindes.
Persönlich und vertraulich: Wir sind online, telefonisch und vor Ort für Sie da. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite der pme Elternberatung.