Lesen macht Kinder stärker

Vorlesetag Vorlesen macht Kinder stärken

14.11.2019
Gabriele Strasser
796

Am 15. November ist bundesweiter Vorlesetag. Wie schafft man es, Kinder für Bücher zu begeistern? Jugendbuchautorin Kirsten Boie über den Sinn des Vorlesen und die Wahl des richtigen Buches.

Frau Boie, was macht für Sie das Lesen – oder in diesem Fall speziell das Vorlesen – so wichtig?

Kirsten Boie: Wir wissen heute, dass Lesen für Kinder nicht nur eine unterhaltsame Freizeitbeschäftigung ist, sondern ganz stark zur Entwicklung von Intelligenz, Einfühlungsvermögen und Sprache beiträgt. Kinder, die gerne lesen, sind im Vorteil. Um aber zum Leser zu werden, dürfen Kinder nicht erst in der Schule mit Büchern in Berührung kommen. Denn da sind Bücher immer auch mit der schwierigen Aufgabe des Lesenlernens verbunden. Zu diesem Zeitpunkt müssen die Kinder schon die Erfahrung gemacht haben, dass Bücher Spaß machen können. Und diese Erfahrung sammeln sie beim Vorlesen.

 

Wie schafft man es, Kinder für Bücher zu begeistern?

Wichtig ist, dass der Vorleser die Wünsche und Interessen des Kindes wahrnimmt. Was interessiert das Kind, worüber lacht es, was macht ihm Spaß, was möchte es immer wieder angucken und vorgelesen bekommen? Danach sollten die Bücher ausgewählt werden. Auch das Vorlesetempo bestimmt das Kind selbst: Vielleicht möchte es ja eine Seite immer wieder angucken oder über einen Satz, ein Bild, eine Textpassage reden, bevor es weitergehen kann. Und schließlich sollte der Vorleser seine eigene Begeisterung und seinen eigenen Spaß deutlich zeigen. Da muss er sich meistens noch nicht einmal sehr anstrengen: Kindern vorzulesen macht Spaß!

 

In welcher Verantwortung sehen Sie dabei Eltern und Kita-Erzieherinnen und -Erzieher?

Eltern, Erzieherinnen und Erzieher in Kitas haben die Möglichkeit, Kindern schon vor Schuleintritt positive Erfahrungen mit Büchern zu vermitteln. Kinder, denen vorgelesen wird, haben eine deutlich höhere Motivation, sich anzustrengen: Sie wollen nämlich lesen lernen, um endlich selbst Bücher lesen zu können. Darum haben sie es schon an diesem Punkt in der Schule leichter als Kinder, denen niemals vorgelesen wurde.

 

Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Vorlesebuch aus?

Das kann man nicht verallgemeinern! Es muss Spaß machen. Es darf sprachlich nicht zu schwierig sein. Es muss beim Kind (und wenn möglich auch beim vorlesenden Erwachsenen) den Wunsch wecken, immer weiter und weiter und weiter zu lesen. Deshalb sind auch klassische Vorlesebücher, in denen sich verschiedene kurze Geschichten aneinanderreihen, gar nicht immer meine erste Wahl. Längere Geschichten vermitteln oft viel eher das Gefühl, das dann später den Reiz des Lesens ausmacht: Nachdem für diesen Tag das Buch zugeschlagen wurde, leben die Kinder noch in Gedanken in der Welt der Geschichte, in der Erwartung, wie es am nächsten Tag weitergeht. Kleine Kinder allerdings brauchen zunächst kürzere Geschichten. Und so wie die Kinder wachsen, so wachsen dann die Texte mit.

 

Was möchten Sie Kindern mit Ihren eigenen Büchern vermitteln?

Zuallererst: Spaß! Manchmal vielleicht auch Trost. Und in jedem Fall sollte ein Buch, egal ob es im Mittelalter spielt wie der „Ritter Trenk“, in einer Fantasiewelt oder heute in einer Reihenhaussiedlung wie der „Möwenweg“, den Kindern helfen, sich in ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Welt besser zurechtzufinden. Bücher können Kinder stärker machen.

 

Was fasziniert Sie am Schreiben von Büchern speziell für Kinder?

Dass für sie alles noch zum ersten Mal passiert. Darum haben Bücher auf Kinder eine viel größere Wirkung, als Erwachsenenbücher sie auf erwachsene Leser jemals haben könnten. Was für den Autor wiederum eine besondere Verantwortung bedeutet.

 

Das Interview führte Christin Müller

 

 

Kirsten Boie schreibt Kinder- und Jugendbücher. Ihr erstes Buch erschien 1985 unter dem Titel PAULE IST EIN GLÜCKSGRIFF  und ist ein beispielloser Erfolg (Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach; Ehrenliste des Österreichischen Staatspreises für Kinder- und Jugendliteratur).

Inzwischen sind von Kirsten Boie rund 100 Bücher erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.

www.kirsten-boie.de

(Kirsten Boje. Foto: Stefan Malzkorn)

 

 

 

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Pikler-Pädagogik: Viel mehr als Bewegungserziehung

Wenn Kleinkinder kratzen, schlagen oder beißen

„Sexualität ist Bestandteil der kindlichen Entwicklung“