Psyche und Arbeit: Was Führungskräfte tun können

Krankschreibung wegen psychischer Belastungen: „Wenn die eigenen Strategien versagen“

10.10.2019
Sabrina Ludwig
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Müde, gereizt, abwesend: Wenn Mitarbeiter*innen psychisch krank sind, verändert sich häufig ihr Verhalten. Was Führungskräfte in solchen Fällen tun können, erklärt Dr. Udo Wortelboer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview.

Herr Dr. Wortelboer, warum ist es wichtig, dass Arbeitgeber sich mit der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen auseinandersetzen?

Unser Gesundheitssystem bietet im Hinblick auf die psychische Gesundheit kaum präventive Angebote. Klinische Erfahrung und wissenschaftliche Daten zeigen aber, dass sich Symptome psychischer Störungen oft schon einige Zeit vor der eigentlichen Erkrankung abzeichnen. Dabei ist die Dauer bis zum Beginn einer Behandlung ein wesentlicher Faktor für den weiteren Verlauf. Das heißt, je früher eine erkrankte Person in Behandlung ist, umso besser stehen ihre Chancen auf Heilung. Für Arbeitgeber wiederum heißt das, dass sie mit präventiver Arbeit Fehlzeiten reduzieren und Komplettausfälle ihrer Mitarbeiter*innen verhindern können.

 

Wie genau können Arbeitgeber denn präventive Arbeit leisten?

Ganz einfach gesagt: Veränderungen bei ihren Mitarbeiter*innen wahrnehmen und diese direkt ansprechen. Natürlich ist es etwas komplizierter und nicht jede Veränderung ist gleich ein Zeichen für eine psychische Krise. Mit dem richtigen Timing und dem passenden Werkzeugkasten an Lösungen und Hilfsmöglichkeiten lässt sich dies aber gut herausarbeiten.

 

Das heißt, wenn ich als Führungskraft vermute, dass mein Mitarbeiter psychische Probleme hat, soll ich ihn einfach darauf ansprechen?

Nein, nicht direkt. Es geht hier nicht darum, eigene Diagnosen zu stellen, sondern ein verändertes Verhalten – sozial, emotional oder auch in Bezug auf die Arbeitsqualität – anzusprechen. Wenn dann die Vermutung aufkommt, dass sich eine psychische Krise anbahnt, dann lassen sich auch Lösungen finden.

 

Wie kann das nun konkret im Arbeitsalltag funktionieren?

Viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern über ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement Seminare und Workshops z.B. zu den Themen Entspannung, Zeitmanagement, Resilienz oder Achtsamkeit an. In den Workshops werden unter anderem Inhalte und Techniken vermittelt, die dabei helfen können, mit persönlichen Stresssituationen besser umzugehen und eigene Handlungs- und Denkmuster zu überdenken.

Wenn es darum geht, für ganz individuelle Belastungen seinen Beschäftigten eine Unterstützung anzubieten, dann eignen sich Angebote wie das Lebenslagencoaching hervorragend, die eine persönliche Beratung oder ein Coaching bei beruflichen und privaten Problemen anbieten – auch in Form einer 24-Stunden-Hotline, um sofortige Hilfe in akuten Belastungssituationen anzubieten.  

 

Was ist der Nutzen für das Unternehmen?

Niedrigschwellige, präventive Angebote sind im Bereich der Kranken- und Rentenversicherung nur sehr eingeschränkt verfügbar. Behandlung setzt immer eine Diagnose, also einen Krankheitszustand voraus. Dazu ist der Bereich der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsangebote sehr unübersichtlich. Die Frage der passenden und schnell verfügbaren Therapie ist hier nicht leicht zu beantworten. Angebote und Interventionen vor einer manifesten Krankheit können diese Lücke schließen und eben auch die Wahrscheinlichkeit längerer Ausfallzeiten reduzieren. Insofern ergibt sich eine Win-Win-Situation für Mitarbeiter und Unternehmen.

 

Seit Jahren nehmen die Krankschreibungen aufgrund psychischer Störungen zu. Burnout ist ein Dauerthema. Wie erklären Sie sich das?

Das ist ein interessanter Punkt. Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass die Häufigkeit psychischer Störungen real gar nicht zugenommen hat. Ich glaube, dass die Burnout-Thematik ein lange überfälliger „Türöffner“ war, der die Wahrnehmung und Akzeptanz, dass man auch psychisch erkranken kann, erhöht hat. Burnout an sich ist zu eindimensional. Letztlich hat sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Privatleben in den letzten zehn bis 20 Jahren erheblich verändert.


Wie ist das zu verstehen?

Arbeitsverdichtung, Digitalisierung, agiles Arbeiten sind nur einige Facetten aus dem Berufsleben, die dazu führen, dass wir ständig erreichbar und viel gestresster sind. Auch im Privatleben sind wir mittlerweile rund um die Uhr erreichbar, und wollen das auch. Für Freunde und Kinder zum Beispiel oder weil wir uns um unsere pflegebedürftigen Eltern kümmern und wollen, dass sie uns erreichen, wenn ihnen etwas fehlt. Beides zusammen – ständige Erreichbarkeit im Job und Privatem – kann schnell dazu führen, dass wir ständig am Rande der Belastbarkeit leben.

 

„In die Sandwich-Position geraten“ nennt man das auch. Von der einen Seite drückt der Job, von der anderen die Familienpflichten. Ist es irgendwie möglich, dieser Doppelbelastung zu entkommen?

Zuerst geht es darum, überhaupt zu erkennen, dass man überfordert und an eine Belastungsgrenze angelangt ist – oder sie sogar bereits überschritten hat. Wenn dann die eigenen, persönlichen Auswege und Lösungen versagen oder für die spezifische Situation nicht ausreichen, dann braucht es Hilfe von außen, damit man neue, alternative Strategien finden kann.

 

 

Dr. Udo Wortelboer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hat bis 2017 in leitender Funktion in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie gearbeitet. Seit 2015 hat er sich intensiv mit dem Thema psychische Gesundheit in der Arbeitswelt beschäftigt.

Heute ist er unter anderem beratend in einem arbeitsmedizinischen Zentrum sowie für den pme Familienservie tätig.