Unternehmen: Fehlzeiten reduzieren – pme Familienservice Blog

10.12.2018
Sabrina Ludwig
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Lustlos, erschöpft, mit Kopfschmerzen: Wer seine Arbeit als sinnlos empfindet, ist doppelt so häufig krank als andere. Doch wann erleben Angestellte ihre Arbeit als sinnvoll – und wie können Unternehmen Fehlzeiten reduzieren?

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„Wir brauchen einen anderen Chef als Bodo Janssen!“. Das war nur eine von vielen kritischen Stimmen, die der Geschäftsführer der Hotelkette Upstalsboom als Ergebnis seiner Mitarbeiterumfrage lesen musste. Die Angestellten fühlten sich schlecht geführt. Viele kündigten. Neue Mitarbeiter: Fehlanzeige. „Ernüchternd und schmerzhaft“, beschreibt Bodo Janssen diese Erkenntnis im Rückblick auf der Webseite „Der Upstalsboom Weg“.

Was tun, wenn die Mitarbeiter einen anderen Chef fordern und kündigen? Kurz überlegte Janssen, die Ergebnisse der Umfrage in seiner Schreibtischschublade verschwinden zu lassen. Das wäre nicht das erste Mal gewesen. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, machte er seinen Mitarbeitern die Ergebnisse diesmal ungeschönt zugänglich und packte seine gesamte Management-Riege ein, um im Benediktiner-Kloster von Pater Anselm Grün sein Verständnis von Führung in Workshops zu überdenken. Außerdem beschäftigte er sich mit positiver Psychologie und Neurologie. „Nach und nach verstand ich, dass ich Mitarbeiter und Kunden bisher nur als Mittel zum Zweck gesehen hatte, um den Unternehmenserfolg zu erreichen“, sagt Janssen. „Dabei muss es umgekehrt sein. Mein Auftrag als Unternehmer ist es, dafür zu sorgen, dass alle – Mitarbeiter und Kunden – ein gutes Leben führen und sich entwickeln können“.

Bodo Janssen hat sein Unternehmen komplett umgekrempelt und erreicht, was kaum noch möglich schien: glückliche Mitarbeiter. Der Erfolg der neuen Unternehmenskultur drückte sich auch in Zahlen aus. Die Zufriedenheit der über 600 Mitarbeiter stieg auf über 80 Prozent an. Die Unternehmensumsätze verdoppelten sich innerhalb von drei Jahren. Und die Krankheitsquote ist von acht auf drei Prozent gesunken, und damit weit unter dem Branchendurchschnitt.

 

Erschöpft und nervös: Viele sehen den Grund im Job

Das Beispiel Upstalsboom zeigt, wie eng Zufriedenheit im Job und Gesundheit zusammenhängen. Wer seinen Job nicht gerne macht, wird krank. Und viele Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass ihre Arbeit sie krank macht. Das zeigt der Fehlzeiten-Report 2018, der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin durchgeführt und ausgewertet wurde. Etwa 2.000 Beschäftigte in Deutschland haben die Wissenschaftler für den Report befragt.

Fast die Hälfte der Befragten sagte, sie sei erschöpft. Jeder Dritte fühlt sich ausgebrannt und lustlos. Knapp über 30 Prozent leiden unter Schlafstörungen. Bei den körperlichen Beschwerden liegen die Rücken- und Gelenkbeschwerden (52 Prozent) auf Platz eins, gefolgt von Kopfschmerzen (35 Prozent). Für all diese gesundheitlichen Beschwerden macht die Mehrzahl der Betroffenen ihre Arbeit verantwortlich. So sehen zum Beispiel 80 Prozent derjenigen, die unter Erschöpfung leiden, die Ursache in ihrem Job. Ebenso 75 Prozent derjenigen, die unter Nervosität, Lustlosigkeit und Rücken- und Gelenkbeschwerden leiden.

Nah dran an den Mitarbeitern: Mit seinen Azubis klettert Bodo Janssen, Geschäftsführer der Hotelkette Upstalsboom, auf den Kilimandscharo (Foto: Upstalsboom).
 

Wer keinen Sinn im Job sieht, fehlt doppelt so oft

Der Fehlzeiten-Report zeigt, dass Gesundheit und Sinn zusammenhängen. Wer seine Arbeit als wenig sinnhaft erlebt und das Gefühl hat, er wird bei Kollegen und Chef nicht wertgeschätzt, hat häufiger als andere mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen. Beispielsweise berichten 57 Prozent der Betroffenen, dass sie erschöpft sind. Bei denjenigen, die einen Sinn in ihrer Arbeit sehen, sind es nur 33 Prozent. Arbeitnehmer, die sich am Arbeitsplatz wohlfühlen, waren im Schnitt nur zehn Tage krank gemeldet. Befragte, die wenig Sinn in ihrer Arbeit sehen und sich unwohl fühlen, haben 20 Tage gefehlt – also doppelt so oft.

 

„Man muss nicht Umweltaktivist sein, um Sinn in seiner Arbeit zu sehen“

Doch was genau verleiht unserer Arbeit eine Bedeutung – und wie können Unternehmen das Sinnerleben positiv beeinflussen? „Um Sinn in seiner Arbeit zu sehen, muss man nicht zwingend Sozialarbeiterin, Krankenpfleger oder Umweltaktivist sein“, erklärt Petra Dinkelacker, die beim pme Familienservice das Betriebliche Gesundheitsmanagement aufgebaut hat. Ein Eisverkäufer kann glücklich in seinem Job sein, weil er es liebt, neue Eissorten zu kreieren und Menschen gerne eine Freude bereitet – und genau darin den Sinn seiner Arbeit sieht. Welchen Sinn ich in meinem Job sehe, ist also auch eine ganz persönliche Sache“. Der Fehlzeiten-Report unterscheidet zwischen drei Quellen, die dafür verantwortlich sind, ob jemand seine Arbeit als sinnhaft empfindet oder nicht:

  1. Gesellschaftlicher Nutzen: das Gefühl, dass man mit seiner Arbeit etwas Gutes tut oder für ein Unternehmen arbeitet, das der Gesellschaft nützt.
  2. Berufliche Ziele verwirklichen: Menschen erleben ihren Job als erfüllend, wenn sie ihre beruflichen Ziele verwirklichen können oder sich ihnen immer neue Herausforderungen bieten.
  3. Soziales Klima: Über 98 Prozent der Befragten sagten, dass es ihnen wichtig sei, sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen. Dabei legen die meisten auch Wert auf eine gute Beziehung zu ihrer Führungskraft.

 

Was nützt meine Arbeit denn?

Petra Dinkelacker fügt noch eine vierte Sinnquelle hinzu: „Sinn wird auch dann empfunden, wenn wir verstehen, welcher Nutzen unsere Arbeit erfüllt. Wertschätzung und Anerkennung sind hierfür ein wichtiger Schlüssel. Wenn ich verstehe, welchen Part meine Arbeit im Unternehmenskosmos erfüllt, erkenne ich auch den Nutzen dessen, was ich tagtäglich tue“.

Dabei kommt den Führungskräften eine entscheidende Rolle zu. „Sie müssen durch das Vermitteln von Visionen, ihre Haltung und eine aufmerksame Kommunikation dem Mitarbeiter zeigen, warum seine Arbeit wertvoll und wichtig ist. Regelmäßige Feedbacks zu einzelnen Aufgaben zum Beispiel zeigen dem Mitarbeiter, dass seine Führungskraft sich mit ihm auseinandergesetzt hat“, sagt Petra Dinkelacker. In erster Linie bedeutet das, das eigene Führungsverhalten zu reflektieren. Oder wie Bodo Janssen schmerzhaft im Jahr 2010 der Tatsache ins Auge schauen musste: „Die Erkenntnis, dass der Fisch am Kopf, also bei mir und den weiteren Führungskräften, anfing zu stinken, war sehr ernüchternd“.
 

Mit dem Azubi auf die Zugspitze

Heute setzt die Hotelkette Upstalsboom auf eine Unternehmenskultur, die auf Werten basiert, die sowohl den Führungskräften als auch den Mitarbeitern am Herzen liegen. Zum Beispiel bietet das Unternehmen verschiedene Schulungen an. Wer nicht ins Kloster mag, kann ein Potenzialtraining besuchen, das auf der Gehirnforschung basiert. Mit seinen Azubis klettert Bodo Janssen auf die Zugspitze oder den Kilimandscharo. Statt einer anonymen Mitarbeiterbefragung gibt es jetzt einen sogenannten Fishbowl. Dabei sitzen alle Mitarbeiter in einer Art Stuhlarena, in deren Mitte sich immer drei Mitarbeiter offen austauschen können. Hat einer von ihnen nichts mehr zu sagen, verlässt er den Stuhl und macht ihn frei für einen neuen Mitarbeiter, der mitdiskutieren möchte.

In einer dieser Runden saß einmal eine Servicekraft, die wissen wollte, warum Upstalsboom Schulen in Afrika baut, sie aber nicht genügend Geld verdient, um mit ihrer Tochter in den Urlaub zu fahren. „Da ist mir klar geworden, dass soziales Engagement wenig bringt, wenn die Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind. Also haben wir begonnen, die Gehälter der Basis stärker zu entwickeln – und die Boni für Führungskräfte zu reduzieren und langfristig sogar zu streichen“.


Quellen:

 

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