Todesfälle in Unternehmen: Was tun, wenn der Kollege stirbt?

16.04.2018
Sabrina Ludwig
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Wenn ein Mitarbeiter plötzlich stirbt, brauchen die Kollegen Hilfe, um den Schock und den Verlust zu verarbeiten. Gleichzeitig müssen die Geschäfte weiterlaufen. Ein Spagat, bei dem die psychosoziale Notfallbetreuung helfen kann.

Martin Kleinbrink*, 54, Jurist für Arbeitsrecht in einem Hamburger Unternehmen, kann sich noch gut an diesen einen Dienstag im August letzten Jahres erinnern. Er saß mit seinem Team im Meeting, als sein Kollege Ralf plötzlich über Schmerzen im Brustbereich klagte und wenige Sekunden später vom Stuhl rutschte. Martin Kleinbrink rief sofort den Notarzt. Eine Ersthelferin versuchte, den Ohnmächtigen zu reanimieren. Doch jede Hilfe kam zu spät. Der Teamkollege war bereits tot, als die Sanitäter eine Viertelstunde später die Tür zum Meetingraum aufstießen. Ein Herzinfarkt. Der Schock saß tief. Nicht nur bei Martin Kleinbrink. „Niemand wusste, wie er sich verhalten sollte. Wir waren alle wie gelähmt. Es fiel mir schwer, mich auf die kleinsten Arbeiten zu konzentrieren. Ralf war ja nicht nur mein Kollege. Zwei Abende vorher waren wir nach Feierabend noch ein Bier trinken gegangen und hatten uns überlegt, die Woche darauf mit meinem Boot zum Angeln rauszufahren. Ich konnte es einfach nicht begreifen. Er war ja auch mein Freund“, sagt Kleinbrink.


Der Tod ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Niemand setzt sich gerne damit auseinander. Schon gar nicht im Unternehmenskontext. „Wenn es dann doch passiert, wissen die wenigsten, wie sie sich am Arbeitsplatz verhalten sollen. Auf den ersten Schock folgt oft ein Verschweigen des Themas“, weiß Joanna Rupik vom pme Familienservice, einem externen Dienstleister für Mitarbeiterunterstützung. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet seit 2012 im Team der psychosozialen Notfallbetreuung, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn in Unternehmen extreme Ereignisse auftreten – wie ein Arbeitsunfall mit Todesfolge, Suizid, Überfall, Amoklauf oder eben der plötzliche Tod eines Mitarbeiters. Ihre Aufgabe ist es dann, Mitarbeiter und Führungskräfte nach der Erstversorgung durch Polizei, Feuerwehr und das Kriseninterventionsteam psychisch zu unterstützen. Die psychosoziale Notfallbetreuung wird vor allem von Unternehmen engagiert, die ein hohes Risiko bergen, Opfer von Gewalttaten zu werden. Tankstellen, Banken, Einkaufszentren – diese Firmen wissen um die Gefahr, dass ihre Mitarbeiter überfallen, verletzt und im schlimmsten Fall getötet werden können. „In Workshops oder Vorträgen können wir Führungskräfte und Personalverantwortliche darauf vorbereiten, wie sie nach einem plötzliche Todesfall in der Firma mit ihren Mitarbeitern am besten umgehen und mit ihnen sprechen können“, erklärt Rupik.


„Je schneller wir den Betroffenen zur Seite stehen, umso größer ist die Chance, dass sie keine dauerhaften psychischen Belastungen entwickeln.“ Joanna Rupik, pme Familienservice
 

Aber auch Firmen, deren Risiko äußerst gering ist, überfallen oder Opfer einer Geiselnahme zu werden, sollten sich mit dem Thema Todesfälle in Unternehmen und dem richtigen Umgang damit befassen. Denn Trauer und Betroffenheit lassen sich nicht an der Bürotür abgeben. „Je schneller wir den Mitarbeitern zur Seite stehen, umso größer ist die Chance, dass sie keine dauerhaften psychischen Belastungen entwickeln – sich der Schock also zu einem posttraumatischen Erlebnis entwickelt und der Mitarbeiter sehr lange ausfällt “, so Rupik.
 


Wenn ein Kollege stirbt, braucht es Zeit für Trauer. Meetingräume bleiben dann schon mal leer. Ein Dauerzustand kann das aber nicht sein. Die Geschäfte müssen weiterlaufen, vor allem in kleineren Betrieben.

 

Die meisten Personalverantwortlichen und Teamleiter, die Joanna Rupik anrufen, bringen ein großes Verständnis für ihre betroffenen Mitarbeiter mit. „Viele verhalten sich richtig und geben den Betroffenen Raum und Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten“. Auch Martin Kleinbrink und seine Kollegen bekamen von ihrem Abteilungsleiter zwei Tage frei. Wer wollte, konnte in den kommenden Tagen flexibel arbeiten, auch von zu Hause aus. Das blieb jedem selbst überlassen. Gemeinsam mit ihrem Chef haben sie auch ein Kondolenzbuch eingerichtet und eine Traueranzeige aufgegeben. „Es hat gut getan, mit dem ganzen Team das Büro unseres verstorbenen Kollegen aufzuräumen. So konnten wir langsam Abschied nehmen“, resümiert Martin Kleinbrink.

Ein paar Tage Zeit, gemeinsam Abschied nehmen am Arbeitsplatz: Das reicht oft nicht aus, um den Schock zu überwinden. Viele sitzen schon wieder an ihren Schreibtischen oder arbeiten in den Werkstätten und merken erst Tage später, dass der plötzliche Todesfall sie mehr belastet, als sie zunächst annahmen. Wie lange der Schock andauert, ist von Person zu Person unterschiedlich. „Manche Menschen brauchen wenige Tage, um wieder einsatzfähig zu sein, andere etwas länger. Das hängt auch davon ab, wie nahe einem der Verstorbene stand“, erklärt Rupik. Auch wie der Kollege gestorben ist, spiele eine große Rolle. Begeht ein Mitarbeiter einen Suizid, stellen sich die Kollegen sehr oft die Schuldfrage: Hätten wir nicht etwas bemerken müssen? Und hätten wir es dann verhindern können? Das belastet natürlich. Ein Patentrezept, wie man mit Mitarbeitern umgeht, die einen Kollegen verloren haben, gibt es also nicht. „Wir haben aber Erfahrungen, wie man Betroffene am besten unterstützen kann“, sagt Rupik. Deshalb ist es sinnvoll, wenn Unternehmen externe Berater einbeziehen. Dahinter steht auch das Ziel, den Arbeitnehmer wieder gesund zurück an seinen Arbeitsplatz zu bringen. Das ist nicht nur für die Betroffenen eine Entlastung, sondern auch wirtschaftlich klug. Auch der Psychologe und Unternehmensberater Gregor Metzger findet, dass die Art und Weise, wie Unternehmen mit dem Thema Tod am Arbeitsplatz umgehen, ausschlaggebend dafür ist, wie gut die Kollegen den Verlust bewältigen: „Bleibt eine angemessene Reaktion der Unternehmensleitung oder der Führungskraft aus, indem beispielsweise die Belegschaft lediglich über eine Info-Rundmail in Kenntnis gesetzt wird, kann es zu einer inneren Abwehr vom Unternehmen oder gar zur Kündigung kommen, nach dem Motto: Das ist es also, was von mir übrig bleibt, wenn ich einmal gehe ... ein paar Umzugskartons!“.
 

„Bleibt eine angemessene Reaktion der Unternehmensleitung oder der Führungskraft aus, kann es zu einer inneren Abwehr vom Unternehmen oder gar zur Kündigung kommen, nach dem Motto: Das ist es also, was von mir übrig bleibt, wenn ich einmal gehe ... ein paar Umzugskartons!“ Gregor Metzger, Psychologe
 

Auch Joanna Rupik ist der Meinung, dass die wesentliche Unterstützung von den direkten Vorgesetzten kommen sollte. „Wir stehen den Teamleitungen und Personalverantwortlichen deshalb in erster Linie als Coaches zur Seite und überlegen gemeinsam mit ihnen, wie sie ihre Mitarbeiter in dieser extremen Ausnahmesituation entlasten können“. In manchen Fällen sei es aber ratsam, externe Berater ins Unternehmen zu holen. Wie im Fall um das Team von Martin Kleinbrink. „Das ganze Team war anwesend, als der Kollege reanimiert wurde und dann starb. Die Betroffenheit war groß“, sagt Rupik. „Deshalb sind wir kurz nachdem es passiert ist, in die Firma gefahren und haben eine Gruppenintervention für das ganze Team durchgeführt, um aufzuklären, welche psychischen und körperlichen Belastungen bei einem extremen Ereignis wie diesem auftreten können. In persönlichen Gesprächen haben wir geschaut, was sie brauchen, damit alle das Ereignis gut überwinden können. Es ist wichtig, dass die Betroffenen verstehen, dass die unterschiedlichsten Reaktionen erst einmal völlig normal sind – weil die Situation, die sie erlebt haben, nicht normal ist“.

Psychoedukation nennt sich diese Aufklärung im Fachjargon. „Nur wenn die Betroffenen verstehen, welche Gefühle und körperlichen Reaktionen nach einem solchen Erlebnis und Verlust auftreten können, können sie eine gute Selbstfürsorge betreiben und besser darauf achten, ob und was sich bei ihnen verändert“, erklärt Joanna Rupik. Dieses Verständnis sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass keine dauerhaften traumatischen Belastungsstörungen entstehen.

Auch Martin Kleinbrink fühlte sich noch einige Tage nach der Gruppenintervention unwohl in seiner Haut. „Ich habe diese schrecklichen Bilder einfach nicht aus dem Kopf bekommen. Nachts war es am schlimmsten. Immer und immer wieder kreiste dieser eine Moment in meinen Gedanken herum: Wir hatten noch zusammen über einen Witz gelacht und plötzlich sackt er einfach zusammen. Ich war ständig müde, deprimiert, habe Termine vergessen, war bei Besprechungen einfach nicht dabei. Ich hatte Angst, dass ich aus diesem dunklen Loch nicht mehr rauskomme“. Deshalb rief er bei der Hotline der psychosozialen Notfallbetreuung an. Die Nummer hatten er und seine Kollegen nach der Gruppenintervention bekommen. „Es hat mir gut getan zu wissen, dass ich jederzeit, auch um drei Uhr nachts, mit jemandem sprechen kann. Ich habe noch dreimal mit einer Beraterin telefoniert. Dadurch habe ich einen guten Weg gefunden, das Erlebnis und den Tod meines Kollegen und Freundes zu verarbeiten“.


*Name von der Redaktion geändert.


Quelle:

https://www.psychomeda.de/psychologie-blog/betriebliche-trauerbegleitung-werkzeug-eines-modernen-person.html

 

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