Alkohol am Arbeitsplatz

06.12.2019
Christin Müller
31

Markus* ist 45 Jahre alt. Er lebt in einer festen Beziehung und hat in der Fertigungstechnik eines großen Automobilherstellers einen guten Job, der ihm Spaß macht. Was man ihm jedoch nicht auf Anhieb ansieht: Er ist alkoholkrank.

Seine Sucht konnte er lange geheim halten, bis zu dem Tag, an dem er zu verkatert war, um zur Arbeit zu gehen. Eine Abmahnung folgte, aber auch ein Angebot zur Selbsthilfe. Denn Markus‘ Arbeitgeber unterstützt ihn und andere Mitarbeiter darin, schwierige private Lebenslagen zu meistern – mit Hilfe des Beratungsangebots des pme Familienservice. Ein ehrliches und sehr persönliches Interview über eine Sucht, die jeden von uns treffen kann.


Wann haben Sie gemerkt, dass der „normale" Alkoholkonsum zur Suchterkrankung wurde? Wie hat es sich bei Ihnen entwickelt?

Meine ersten Erfahrungen mit Alkohol habe ich mit 14 gemacht – wie viele andere Jugendliche auch. Man trifft sich am Wochenende, probiert hin und wieder und trinkt auch mal zu viel. Als junger Erwachsener habe ich dann regelmäßig am Wochenende getrunken. Ich hatte festgestellt, dass es mir dann einfach noch besser geht. Wenn ich in guter Stimmung war, hat der Alkohol dafür gesorgt, dass die Stimmung anhielt. Später kam dann auch noch Kokain dazu. Ich habe aber nie in der Woche getrunken, sondern immer erst am Freitag. Und das hat im Laufe der Jahre einfach zugenommen. Ich war dann gut drauf. Aber mit 40 Jahren habe ich gemerkt, dass ich am Anfang der Woche immer länger brauchte, um den normalen Rhythmus zu finden. Der Alkoholkonsum nahm einfach immer mehr zu.

Leider sind meine Beziehungen alle am Alkohol gescheitert. Meiner damaligen Frau zuliebe habe ich schon mal mit dem Trinken aufgehört und einen Entzug gemacht. Dann hat meine Frau mir aber vorgeworfen, dass ich so ernst bin. Also habe ich wieder angefangen zu trinken. Als mich meine Frau verließ, habe ich festgestellt, dass Alkohol nicht nur die gute Laune verstärkt, sondern auch hilft, die Trennung besser zu ertragen.

 

Haben Sie Alkohol auch während der Arbeit getrunken?

Auf und während der Arbeit habe ich nie getrunken, das war ein eisernes Prinzip. Ich brauche ja meinen Führerschein, und ich bin auch sehr ehrgeizig. Mir war immer wichtig, dass mein Arbeitgeber gut von mir denkt und weiß, dass ich eine gute Arbeit mache. Inzwischen hatte ich aber angefangen, nach Feierabend mein Bier zu trinken und es nicht so genau zu nehmen, wie viel ich trinke. Das war natürlich nicht immer einfach, wenn man verkatert zur Arbeit kommt. Es wurde zuletzt immer schwieriger, wirklich ganz nüchtern zur Arbeit zu kommen.

 

Welche Auswirkungen hatte der Alkoholkonsum auf Ihre Arbeit?

Im Rückblick denke ich, dass ich immer ordentlich gearbeitet habe, aber immer schlechter gelaunt war. Und ich glaube, dass die Kunden das gemerkt haben. Ich habe immer aufgepasst, dass nie ein Verdacht aufkommt. Aber meine Laune konnte ich nicht verbergen und auch den inneren Druck, ob ich das alles schaffe und ob mein Meister mit mir zufrieden ist.

 

Wusste Ihr Arbeitgeber von Ihrem hohen Alkoholkonsum?

Ja, dann gab es den ersten Montag, an dem ich nicht richtig nüchtern war und meinen Meister angerufen habe, dass ich heute nicht zur Arbeit kommen kann. Auf Nachfragen musste ich zugeben, dass ich zu viel getrunken hatte. Dann kam es zur ersten Abmahnung wegen unerlaubten Fehlens. In meiner Firma gibt es eine Betriebsvereinbarung als Stufenplan. Ich musste in der Firma zum Suchtberater und auch in die Personalabteilung. Als sich meine Abwesenheit wiederholte, kamen alle an einen Tisch. Der Suchtberater der Firma, die Personalleitung, jemand von der Krankenkasse, der Betriebsarzt und mein Meister. Alle haben mir dringend geraten, jetzt etwas zu machen, sonst gefährdete ich meinen Arbeitsplatz. Ich sollte in den Entzug gehen und mich darum kümmern, vom Alkohol loszukommen. Da war ganz schön viel Druck. Hinzu kam, dass ich mich ganz schön geschämt habe für mein Verhalten.

 

Warum haben Sie sich Hilfe beim pme Familienservice geholt?

Weil mein Arbeitgeber mich geschickt hatte, um endlich meine Probleme anzupacken. Der Berater vom Familienservice hat mich dann dabei unterstützt, einen Entzug zu machen und eine anschließende Entwöhnung über mehrere Wochen. Auch hat er mir geholfen, die Wartezeit zwischen Entzug und der Entwöhnung zu überbrücken. Wir haben auch geschaut, ob eine Selbsthilfegruppe für mich gut wäre. Da bin ich bis jetzt aber noch nicht weitergekommen.

 

Wie sieht Ihre Therapie aus?

Ich war erst zur Entgiftung in einer Klinik, damit der Alkohol aus dem Körper herauskommt und ich nicht mehr trinke. Dann war ich in einer Entwöhnung, in der es darum ging, warum ich trinke und wie ich dauerhaft von der Sucht wegkomme. Das war schon sehr hart, weil ich gesehen habe, wie viele kaputte Menschen es gibt und was der Alkohol auf die Dauer mit dem Menschen macht. Da mussten wir uns vor allen hinstellen und von unserem Leben erzählen und davon, wann und wie wir trinken. Ich wollte es so richtig ordentlich machen und habe dann auch das Rauchen und das Kokain aufgegeben. Es gab Gruppengespräche und viele Freizeit- und Therapieangebote.

 

Wie geht es Ihnen im Moment?

Ich bin jetzt seit fünf Monaten trocken und lebe noch in der Euphorie, dass ich das geschafft habe. Mein Arbeitgeber ist zufrieden, und ich mache wieder gerne meine Arbeit. Aber ich habe das Gefühlt, dass da noch viel zu tun ist. Ich hatte keinen Rückfall, war aber öfter mal wieder dran. Ich lerne erst jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, so richtig, wann ich genau gefährdet bin: wenn ich mich innerlich unruhig fühle oder wenn ich zu starken Druck merke. Aber jedes Mal denke ich, dass ich das Erreichte nicht gefährden möchte. Ich kann auch nach der Therapie zum Berater vom Familienservice kommen und die Situationen durchsprechen, wo ich noch eine gewisse Gefährdung merke. Aber jetzt bin ich erst einmal froh, dass ich meine Arbeit nicht verloren habe und dass ich mich gesundheitlich wieder fit fühle und alles auf einem guten Weg ist.

 

*Der Interviewte möchte nicht erkannt werden. Aus diesem Grund haben wir seinen Namen geändert.

 

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