Sex in der Partnerschaft: "Ich bin zu müde, Hase!"

Sex Partnerschaft - pme Familienservice Blog

20.01.2017
Sabrina Ludwig
1964

Wir schweben auf Wolke sieben, schmieden Zukunftspläne und scheitern dann doch häufig daran: eine langjährige und glückliche Beziehung zu führen. pme-Mitarbeiterin Dagmar Cassiers ist seit über 20 Jahren Paartherapeutin und Beziehungsberaterin. In Ihrem Buch „Sex-Pass“ stellt Sie die These auf, dass unglückliche Paare oft dasselbe Problem eint: die Unzufriedenheit im Bett.

Haare im Waschbecken oder ständiger Streit um die Kindererziehung: Wie sind Sie zu der These gekommen, dass an Konflikten in der Beziehung oft sexuelle Frustrationen Schuld seien?

Dagmar Cassiers: Mich hat es immer gewundert, wieso sich jedes dritte Ehepaar scheiden lässt. Die meisten Paare heiraten, weil sie ihr ganzes Leben miteinander verbringen wollen. Erst ist alles rosarot, man ist schrecklich verliebt, und dann soll diese große Liebe plötzlich zu Ende sein? Wie ist das passiert? Ich bin ein kleiner Statistikfreak und habe über Jahre hinweg während meiner Arbeit als Therapeutin festgestellt, dass die Paare, die sich getrennt haben, über unglaublich viele Baustellen berichteten: Bartstoppel im Waschbecken, Kosmetika, die das ganze Badezimmer besetzen, pinkeln im Stehen, die Spülmaschine, die er oder sie nie ausgeräumt hat ...

... die Paare trennten sich also aufgrund von vermeintlichen Kleinigkeiten wie einem unterschiedlichen Verständnis von Ordnung?

Dagmar Cassiers: Es waren tatsächlich diese Alltagsbaustellen, weshalb sich die Paare in den Haaren hatten. Das hat mich stutzig gemacht und ich habe mir angewöhnt ganz konkret zu fragen: Wie sieht es sexuell bei ihnen aus? Als Antwort bekam ich meist ein Augenrollen, einen bedeutungsvollen Blick zwischen den Partner oder sie sagten ganz klar, dass zwischen ihnen im Bett schon lange nichts mehr läuft. Ich habe dann tiefer gebohrt und gefragt, was denn für sie befriedigender Sex sei? Es stellte sich heraus, dass die beiden Partner oft ganz unterschiedliche Vorstellungen davon hatten. Diese Erfahrungen waren die Grundlage für meine These: Glückliche Paare passen sexuell gut zueinander, unglückliche schlecht.

Glückliche Paare kommen wahrscheinlich nicht in Ihre Beratung. Woher wissen Sie, dass diese eine erfüllte Sexualität haben?

Dagmar Cassiers: Es kommen auch Paare wegen anderer Konflikte zu mir – zum Beispiel wegen hoher Stressbelastung am Arbeitsplatz oder pubertierender Kinder, zu denen die Eltern gerade keinen Zugang finden können. Wenn auch in diesen Zusammenhängen die partnerschaftliche Sexualität zur Sprache kommt, dann höre ich in fast allen Fällen, dass der Sex von Anfang an toll war und es nach vielen Jahren immer noch ist – und zwar für beide gleichermaßen.

Was ist denn guter Sex überhaupt?

Dagmar Cassiers: Es gibt keine Norm. Das ist wie beim Essen: der eine mag Rosenkohl, der andere eben nicht. Das eine ist nicht schlechter als das andere zu bewerten. Deshalb vermeide ich bewusst die Begrifflichkeiten „guter Sex“ und „schlechter Sex“. Gut ist der Sex, wenn ihn beide als gut empfinden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Sex einmal am Tag oder einmal im Jahr stattfindet. Schwierig wird es nur dann, wenn der eine es fünfmal am Tag möchte, der andere aber nur einmal die Woche. Meist gibt dann einer dem Bedürfnis des anderen nach, obwohl es nicht seiner Natur entspricht. Das mag eine Zeit lang funktionieren. Nach einem viertel oder halben Jahr denkt der Nachgebende aber: „Och ne, bloß nicht schon wieder!“

Im Umkehrschluss heißt das also: Wenn es bei den ersten Dates im Bett nicht ganz perfekt harmoniert, sollte ich mir besser gleich eingestehen, wir passen nicht zusammen?

Dagmar Cassiers: Es wäre optimal, diese Ehrlichkeit seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen gegenüber zu haben. Meistens ist es doch so beim ersten Date: Da steht ein Typ, den wir in erster Linie gutaussehend finden. Vielleicht hat er noch diese strahlend blauen Augen, die wir uns bei einem Mann schon immer gewünscht haben, und vielleicht können wir uns mit ihm auch gut unterhalten. Wir fühlen uns wie magisch angezogen, denn so haben wir ihn uns schon immer vorgestellt: unseren Traummann. Soweit so gut. Dann kommt es meist früher oder später zu ersten Zärtlichkeiten. Und dabei kann der erste Kuss schon wahnsinnig aufschlussreich sein. Ich hatte zum Beispiel ein Ehepaar in der Beratung, in der mir die Frau erzählte, ihr waren seine Küsse von Anfang viel zu feucht. Gesagt hat sie das ihrem Mann nie. Sonst war ja alles perfekt. Irgendwann drehte sie immer öfter den Kopf weg, wenn er sie küssen wollte – und damit begannen die Missverständnisse. Er hat für sich entschieden, dass sie einen anderen Mann haben müsse, es folgten Vorwürfe auf verschiedenen Ebenen und alles führte dahin, dass sie sich trennten.

Was ich damit sagen will: In diesem hormonellen Ausnahmezustand des Verliebtseins wird Störendes und Unpassendes einfach ausgeblendet. Ach, das war heute mal nicht so gut. Aber sonst war es doch immer ganz schön. Das wird schon wieder, reden wir uns ein. Wenn wir dann die rosarote Brille abgelegt haben, stolpern wir immer häufiger über diese Passungenauigkeiten. Dann stecken wir aber oft schon mittendrin in der Beziehung.

Anstatt meinen Traummann gleich abzuweisen, könnte ich doch auch zuerst mit ihm darüber reden ...

Dagmar Cassiers: Ja, natürlich. Hätte sie ihn von Anfang darauf angesprochen und gefragt, ob er vielleicht auch weniger nass küssen könne, dann wäre die Beziehung vielleicht haltbarer gewesen. Hätte er aber gesagt, dass für ihn Küsse gar nicht nass genug sein können, dann wäre von Anfang klar gewesen, dass eine Beziehung zwischen den beiden nicht funktionieren kann. Darüber sprechen erfordert natürlich Mut, kann aber auch Enttäuschung vermeiden. Grundsätzliche unterschiedliche Bedürfnisse sind allerdings schwer zu verändern.
 

Weiter zu Teil 2 des Interviews: "Wir müssen reden!"
 


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