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Studie Pflege und Beruf

16.10.2018
Sabrina Ludwig
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Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP): Nur sehr wenige Unternehmen machen betriebsintern Angebote, die pflegende Mitarbeiter entlasten. Und das, obwohl schon heute viele Beschäftigte den mühsamen Spagat zwischen Beruf und Pflege kaum schaffen.

Die kranken Eltern oder Schwiegereltern pflegen, die Kinder betreuen und im Job gut funktionieren: Viele Familien leben am Rande der Belastbarkeit. Generation Sandwich nennen Soziologen und Familienforscher Menschen, die sich doppelt kümmern müssen. Doch während die Krippen- und Kita-Plätze nach und nach ausgebaut werden, rückt bei Politik und Unternehmen die Problematik der pflegenden Angehörigen nur langsam in den Fokus.

Dabei pflegen in Deutschland geschätzt etwa 2,6 Millionen Erwerbstätige einen Angehörigen – Tendenz steigend. Geht man davon aus, dass sich die Pflegequoten nicht verändern, ist allein aufgrund des demografischen Trends ein Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen bis 2054 auf über 4,9 Millionen zu erwarten (Statistisches Bundesamt 2017a, 2017b, eigene Berechnungen).  Familien werden dabei nach wie vor die Hauptlast in der Pflege tragen. Schon heute werden sie als „größter Pflegedienst Deutschlands“ bezeichnet.
 

Pflegezeit wird von Arbeitnehmern nicht genutzt

Damit der Spagat zwischen Job und Pflege besser gelingt, hat der Gesetzgeber neue Angebote wie „Pflegezeit“ oder „Familien-Pflegezeit“ für pflegende Angehörige geschaffen. Diese Angebote werden von Arbeitnehmern jedoch kaum genutzt. Und Angebote von Firmenseite, die gezielt pflegende Angehörige unterstützen, sind weder etabliert noch von den Unternehmen geplant.

Das geht aus den Ergebnissen der Studie „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“ hervor, die das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) durchgeführt hat. Hierfür befragten die Studienautoren Personalentscheider in 401 Unternehmen, die 26 oder mehr Mitarbeiter beschäftigen.

Die Befragung zeigt, dass in mehr als der Hälfte der befragten Unternehmen (59 Prozent) noch kein einziger Mitarbeiter eines der gesetzlichen Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege genutzt hat. In einem Viertel der Firmen (28 Prozent) hat bisher nur jeweils ein Mitarbeiter die bis zu zehntägige Freistellung zur Pflegeorganisation in Anspruch genommen. Und 42 Prozent der befragten Personalentscheider gaben an, sie würden gar keinen derzeitigen oder ehemaligen Mitarbeiter kennen, der sich um einen Angehörigen kümmert bzw. ihn pflegt.
 

Kaum Angebote von Unternehmen

Doch warum bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern keine Unterstützung an, z. B. in Form von Beratungen und Informationsabenden? Woran scheitert es? 43 Prozent der befragten Personalentscheider sagten, dass die Umsetzung betrieblicher Angebote generell sehr aufwendig sei und im Vergleich zu anderen Fragen weniger wichtig. 34 Prozent waren auch der Meinung, die Umsetzung sei zu teuer. Noch häufiger klagten die Personalentscheider über mangelndes Wissen darüber, welche Angebote den Betroffenen helfen würden (63 Prozent) bzw. welche Mitarbeiter überhaupt Unterstützungsbedarf haben (62 Prozent).

 

Quelle: ZQP-ANALYSE „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege – 2018“
 

Pflegelotsen: schnelle Hilfe für pflegende Mitarbeiter

Jürgen GriesbeckJürgen Griesbeck, Eldercare-Experte beim pme Familienservice, ist vom Ergebnis der Studie überrascht: „Nach meinen Erfahrungen hat das Thema 'Vereinbarkeit von Pflege und Beruf' in den Personalabteilungen längst Einzug gehalten. In vielen Firmen werden Beschäftigte zum sogenannten „Betrieblichen Pflegelotsen“ ausgebildet. Die Pflegelotsen stehen den betroffenen Kolleginnen und Kollegen als erste Anlaufstelle zur Verfügung und bieten kollegiale Unterstützung. Sie wissen, welche ersten Schritte Betroffene gehen müssen, und informieren darüber hinaus über lokale Unterstützung und Fachstellen“. Oft werden Verantwortliche aus dem Bereich des Personalwesens zum Betrieblichen Pflegelotsen ausgebildet. Grundsätzlich wendet sich das Angebot aber an alle Beschäftigten, die dafür vom Unternehmen beauftragt werden. In der Regel dauert die Fortbildung drei bis vier Tage. Entsprechende Angebote gibt es in fast jeder Stadt. „Wir bilden zum Beispiel Pflegelotsen in Hamburg aus“, sagt Jürgen Griesbeck.
 

Ein Drittel der pflegenden Angehörigen schränkt den Job ein

Wie wichtig es für Unternehmen ist, das Thema "Vereinbarkeit von Beruf und Pflege" auf die Agenda zu nehmen, zeigt ein weiteres Ergebnis der ZQP-Studie. Neben dem erhöhten Risiko, unter Stress und psychischen Störungen zu leiden (Butterworth er al., 2010) führt der steigende Pflegeaufwand unter anderem dazu, dass rund ein Drittel der erwerbstätigen pflegenden Angehörigen die Berufstätigkeit im Verlauf der Pflege einschränkt oder sogar ganz aufgibt (Schäufele et al., 2016). Das Bundesfamilienministerium gibt an, dass 79 Prozent der Beschäftigten zwischen 25 und 59 Jahren pflegerische Aufgaben für nur schwer mit einer beruflichen Tätigkeit vereinbar halten.

Entsprechende Schulungen und Weiterbildungen von Führungskräften können dazu beitragen, Verständnis für die Lebenssituation von pflegenden Mitarbeitern zu schaffen und Unsicherheiten im Umgang mit Betroffenen abzubauen. Unternehmen können pflegende Angehörige wiederum durch Beratung, Seminare und Informationsveranstaltungen bei deren Aufgabe unterstützen und dadurch entlasten – oder in wenigen Tagen einen Mitarbeiter zum Pflegelotsen ausbilden lassen, der seinen Kolleginnen und Kollegen als erste Anlaufstelle dient. Darüber hinaus gibt es auch niedrigschwellige Angebote wie Online-Schulungen und -Kurse, die Betroffenen erste Schritte im Umgang mit Pflegebedürftigen zeigen.

 

Quelle: ZQP-ANALYSE „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege -2018“