Jobkiller Automatisierung?

Jobkiller Automatisierung? Gunter Dueck im Interview

04.09.2018
Isabel Hempel
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Müssen wir Angst davor haben, dass Roboter unsere Jobs übernehmen? Gunter Dueck, Digitalphilosoph und ehemaliger CTO der IBM Deutschland, meint: Nein. Aber er ruft Unternehmen dazu auf, viel mehr in die Weiterbildung ihrer Belegschaft zu investieren und die Digitalisierung nicht weiter zu verschlafen. Denn: "Jeder Tag Prokrastinieren macht den erforderlichen Kraftakt größer!".

 

Work-Life-Blog: Die Furcht davor, dass Roboter und Künstliche Intelligenzen bald Millionen Menschen arbeitslos machen, ist groß. Müssen wir wirklich Angst vor der Automatisierung haben?

Gunter Dueck: Diese Angst hatten wir immer: Der Trecker vertrieb das Pferd, und statt der einst circa 40 Prozent Beschäftigten in der Landwirtschaft schaffen es jetzt weniger als zwei Prozent. Als ich vor langer Zeit studierte, kämpften die Gewerkschaften gegen „Rationalisierung“, so nannte man das damals. Heute ist es die „Automatisierung“. Was aber ist heute anders? Die Betroffenen engagieren sich nicht mehr für eine gute Zukunft. Sie solidarisieren sich z. B. nicht mehr über Gewerkschaften und Betriebsräte, sondern lassen sich Ängste von der Sensationspresse einreden und leiden unter Arbeitsdruckzumutungen der Arbeitgeber, die sich ohne Widerstand durchsetzen.

Fast kein Mensch kennt einen Roboter persönlich, aber die Angst geht um! Viele lehnen es ab, einen neuen Beruf zu erlernen – das haben damals alle Landarbeiter tun müssen – oder gar umzuziehen. Sie haben dann nicht Angst vor der Automatisierung, sondern pflegen die innerliche Ablehnung persönlicher Konsequenzen.

 


 

WLB: Welche Fähigkeiten – Hard und Soft Skills – braucht der arbeitende Mensch, um im digitalen Zeitalter gut aufgestellt zu sein?

GD: Wenn vieles automatisiert ist, haben die Menschen eine immer größere Verantwortung. Fehler haben größere Konsequenzen – da braucht es bessere Soft Skills! Maschinen können nichts erschaffen, besprechen, verkaufen oder verhandeln. Das bleibt dem Menschen, der dann aber fähig sein sollte, mit anderen Menschen klarzukommen. Management, Verkauf, Überzeugen, Planen, Kommunizieren ... Kurz: Der Professionalitätsgrad muss sich generell erhöhen – und das Bewusstsein, professionell arbeiten zu müssen, sollte sich schärfen.


WLB: Wie können Unternehmen gemeinsam mit ihren Mitarbeitern die Potenziale der Digitalisierung erschließen?

GD: Jedes Unternehmen sollte wissen, wohin es will. Leider machen die Unternehmen „so weiter wie bisher“. Heute vergeht keine Woche, fast kein Tag, an dem nicht Versäumnisse der Autobauer oder Banken in der Zeitung besprochen werden.

Die Unternehmen sollten nüchtern den Bedarf an Digitalisierung strategisch feststellen – und los! Sie scheuen aber große Anläufe und wollen sich allmählich herantasten. Dazu hat man in den letzten zwanzig Jahren jede Menge Zeit gehabt! Die aber wurde durch Auslachen von Amazon, Google oder Yahoo vertan. Jetzt kostet es auf die Schnelle echt Anstrengung und Geld. Jeder Tag Prokrastinieren macht den erforderlichen Kraftakt größer.

 

WLB: Wie kann man seine Mitarbeiter fit für diesen Change machen? Was können Unternehmen tun, damit die Leute nicht auf der Strecke bleiben?

GD: Ausbilden! Ich habe neulich gelesen, dass sich die Unternehmen die Ausbildung 1.000 Euro pro Kopf und Jahr kosten lassen. Was soll das? So viel kostet ein Zwei-Tages-Seminar oder eine Konferenzgebühr mit Reisekosten. Man predigt also bloß „Change“ und will nicht in Monate – die braucht man doch – Ausbildung pro Kopf investieren. Die Unternehmen denken wie einst, als das noch ging: Man ersetzt alle Mitarbeiter, die auf der Strecke bleiben, durch junge. Alte Mitarbeiter sind teuer – raus mit ihnen! Neue zu Praktikantenlohn rein. Das geht aber heute nicht mehr, weil nicht genügend Junge zur Verfügung stehen.

Durch das Prokrastinieren der Digitalisierung ist ein Bedarfsstau entstanden, den man nun nicht mehr vermeiden kann. Sie können doch nicht einfach beschließen, wie in Schweden zwei Lehrer pro Klasse zu haben. Wo kommen die „Zweiten“ denn her? Sie können nicht gut sagen: „Hier sind 50 Milliarden für den totalen Glasfaserausbau!“. Es gibt doch keine großen untätigen Maschinenkapazitäten und Tiefbauer, die auf die Regierungen warten. Also müssen die Unternehmen VIEL MEHR in Digitalisierung stecken und dann eben eine Zeit lang nicht so wachsen, wie sie träumen. Und eben das ständige Wachsen wollen sie nicht aufgeben. DAS ist das Problem. Sie haben Angst vor dem Nichtwachsen.


WLB: Sie sind Professor für Mathematik, haben fast 25 Jahre für IBM gearbeitet und schreiben heute Bücher und Reden. Angenommen, Sie wären noch einmal 20 Jahre alt. Was denken Sie, welchen Job machen Sie in 20 oder 30 Jahren?

GD: Ich habe bei IBM zehn Jahre für viele Unternehmen daran gearbeitet, ihre ganze Organisation mit Mathematik umzukrempeln. Ich war in den 1990ern für „Optimierung & Statistik“ zuständig, dann für „Business Intelligence“. Wir waren Pioniere, hatten unzureichende Rechner, kaum gute Daten und wenige digitalisierte Abläufe. Heute gibt es Big Data, Cloud und KI. Also ist alles immer noch nicht gut, aber eine Nummer größer. In 20 oder 30 Jahren macht es dann richtig Spaß!

Ich erlebe gerade solche Entwicklungen bei meinen Kindern wieder neu. Mit ihnen kann ich auch die Soft-Skill-Seite immer wieder besprechen und mehr oder weniger (wie sie es möchten) coachen. Ich merke dann, wie sehr mir ein solches Coaching in meiner ersten Berufszeit gefehlt hat. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit Pferden, Kühen, Hühnern etc. Das war ein langer Weg bis zum Chief Technology Officer. Bei gutem Coaching hätte ich bestimmt alles zehn Jahre schneller hinbekommen. Ist doch blöd, wenn man erst am Ende der Berufszeit gut durchblickt und endlich die eigenen Soft Skills entwickelt hat. Ich hätte mir mehr Berufsjahre in vollem Saft gewünscht.
 

Erleben Sie Gunter Dueck am 19. September live in Frankfurt/Main in der pme Akademie oder im Videostream mit seinem Vortrag: "Mitarbeiter*innen 4.0 - Wie bewältigen analoge Menschen die digitale Transformation?"