Einsamkeit: „Um Hilfe zu bitten, fällt den meisten schwer“

05.11.2019
Sabrina Ludwig
712

Wer viel pendelt oder im Home Office arbeitet, kann auf Dauer einsam werden. Arbeitnehmer mit Kurzzeitverträgen auch. Ein Interview mit Psychiater und Psychotherapeut Dr. Udo Wortelboer.

Herr Dr. Wortelboer, was tun Sie, wenn Sie sich einsam fühlen?

Udo Wortelboer: Einen guten Freund anrufen und unter Leute gehen. Ich arbeite viel im Home Office. Da kommt es schon vor, dass das Telefon den ganzen Tag stumm bleibt. Wenn ich dann auch keine Lust habe, jemanden anzurufen, bin ich den ganzen Tag alleine. Da freue ich mich, wenn ich wie heute mit Ihnen telefonieren kann und morgen nach Stuttgart zu einem Netzwerk-Frühstück fahre.

 

Laut einer aktuellen AOK-Studie sind Menschen, die im Home Office arbeiten, häufig glücklicher mit ihrem Job, leiden aber auch stärker unter psychischen Belastungen. Würden Sie sagen, dass Einsamkeit dabei das Hauptproblem ist?

Einsamkeit kann ein Problem sein, gerade für diejenigen, die eher den Austausch mit Kollegen brauchen und neben der Arbeit wenig Kontakte haben. Jeder muss für sich ganz genau schauen, welches Arbeitsmodell zu ihm passt. 

 

Gibt es also Arbeitnehmer, die eher gefährdet sind, einsam zu werden? Kann man pauschalisieren?

Ich denke dabei vor allem an „Arbeitsnomaden“, Pendler zum Beispiel. Ein Blick nach Frankfurt genügt. Unter der Woche ist die Stadt voll, am Wochenende gibt es viele geschlossene Restaurants. Wenn sich unter der Woche fast alles um die Arbeit dreht, sind die sozialen Kontakte zuhause am Wochenende umso wichtiger. Bricht da etwas weg oder tritt eine Störung auf, weil man sich zum Beispiel um die kranken Eltern kümmern muss, kann schnell ein Gefühl von Einsamkeit aufkommen. An wen kann ich mich wenden? Wie bekomme ich meinen Ausgleich hin?

Eine weitere Gruppe sind Menschen mit Kurzzeitverträgen, die alle paar Jahre einen neuen Arbeitgeber suchen, gezwungenermaßen oder weil sie Karriere machen wollen. Das bedeutet ständige Brüche: neuer Job, neue Stadt, neue Menschen. Das kann ermüdend sein, so dass man irgendwann keine Lust mehr hat, sich ständig anzupassen.

 

„Einsamkeit ist in jungen Jahren stark ausgeprägt.“

 

Ab wann ist jemand einsam?

Der entscheidende Aspekt ist das Gefühl, ob ich darunter leide, allein zu sein und wenig soziale Kontakte zu haben. Da ist das Maß individuell sehr unterschiedlich. Manche brauchen wenig soziale Kontakte, um glücklich zu sein. Diese Menschen werden vermutlich wenig Freunde haben, die sie direkt treffen, aber darunter nicht unbedingt leiden. Andere sind zwar in einer Beziehung, fühlen sich aber einsam, weil sie sich vom Partner nicht verstanden fühlen. Einsam ist also, wer sich mehr Kontakt zu anderen Menschen wünscht, ihn aber nicht hat.

 

Einsamkeit sei schlimmer als Krebs und ansteckend wie eine Epidemie, warnen Forscher. Wie ist Ihre Einschätzung?

Das ist aus meiner Sicht eine recht überspitzte Aussage des Psychiaters Manfred Spitzer. Natürlich wirkt sich Einsamkeit negativ auf die Psyche aus und kann zu Depressionen führen. Sozialer Rückzug ist häufig ein Symptom psychischer Störungen. Es gibt aber auch Menschen, die per se lieber für sich sind. Wenn ich gerne alleine bin, dann suche ich mir auch Freunde, die nicht ständig telefonieren und sich treffen wollen. Solche Freundeskreise erzielen vermutlich einen hohen Wert bei den Einsamkeitsfragebögen. Mit Ansteckung hat das nichts zu tun.

 

Sind wir einsamer als früher?

Ja, es gibt deutliche Hinweise dafür. Das zeigen Studien. Interessant ist, dass Einsamkeit noch bis vor einigen Jahren überwiegend bei älteren Menschen und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen untersucht wurde. Eine britische Studie zeigt aber, dass schon junge Erwachsene unter Einsamkeit leiden und dadurch ihre Lebensqualität und ihr Gesundheitsverhalten beeinflusst wird. Das heißt, sie bewegen sich weniger, ernähren sich schlechter, kümmern sich im Allgemeinen weniger um sich. Gleichzeitig wissen wir noch gar nicht, wie sich die Vernetzung über soziale Medien auswirken wird.


„Wir haben mehr Single-Haushalte als früher.“

 

Haben Sie eine Erklärung, warum sich mehr Menschen als früher einsam fühlen?

Wir haben viel mehr Single-Haushalte als früher. Das bedeutet nicht, dass Alleinlebende automatisch einsamer sind. Eine Studie der Universitätsmedizin Mainz fand aber heraus, wie wichtig ein soziales Umfeld ist, das einem hilft – wenn man krank ist zum Beispiel und jemanden braucht, der einen zum Arzt fährt.

 

Ich brauche also selbst dann Freunde, wenn ich der Typ „einsamer Wolf“ bin?

Der echte „einsame Wolf“ ist vermutlich wirklich autark. Ein häufiges Phänomen ist allerdings, dass es vielen Menschen schwerfäll, in schwierigen Situationen ihr Netzwerk um Hilfe zu bitten. Oft aus Scham oder auch aus Stolz. Freunde sind also das eine, in Krisensituationen aber aktiv um Hilfe bitten, das Allerwichtigste.

 

Was kann ich tun, wenn ich mich einsam fühle?

Ein Ehrenamt suchen, an Veranstaltungen teilnehmen. Aktiv werden also. Da ist aber jeder anders. Die einen müssen in einer neuen Stadt in Ruhe ankommen und haben noch nicht mal die Wohnung eingeräumt, da sind andere schon dem ersten Sportverein beigetreten. Trotzdem: Netzwerke suchen und sich beteiligen ist ein erster Schritt.  

 

Dr. Udo Wortelboer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hat
bis 2017 in leitender Funktion in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
gearbeitet. Seit 2015 beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema psychische
Gesundheit in der Arbeitswelt.

Heute ist er unter anderem beratend in einem arbeitsmedizinischen Zentrum
sowie für den pme Familienservie tätig.

 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Psyche und Arbeit: Was Führungskräfte tun können. Ein Interview

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Investitionen zahlen sich dreifach aus

Notfallkoffer: kleiner Helfer gegen Stress

DAK-Studie: Dreimal mehr Fehltage wegen Psyche
 

(Foto oben: Anthony Tran von unsplash)