Sabbatical: Das Leben ist zu kurz für irgendwann

Sabbatical: Das Leben ist zu kurz für irgendwann - pme Familienservice Blog

23.10.2017
Christin Müller
1957

Anja Umbreit, Diversity-Managerin und pme Akademie-Mitarbeiterin, hat das gemacht, wovon viele träumen: Sie hat sich aus dem normalen Arbeitsalltag ausgeklinkt und ist für sechs Monate ins Sabbatical gegangen. Für Anja die beste Entscheidung ihres bisherigen Lebens.
 

Mein Sabbatical: davor, mittendrin, danach (und fünf Erkenntnisse nebenbei)

Vielleicht kennen Sie diese Aussage über den eigenen Lebenstraum: „Das mache ich, wenn ich mal Zeit habe, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn ich im Ruhestand bin ... oder vielleicht im nächsten Leben“.
Dann ziehen die Wochenenden und Urlaube an einem vorbei wie die Jahreszeiten – und die Renteninformation zeigt an, dass es noch mindestens 26 Jahre bis zum Ruhestand sind. Nach getaner Arbeit ist man erschöpft, auch von den Erledigungen, die das Leben sonst noch so auffährt: vom vollen Geschirrspüler, vom leeren Kühlschrank, von der noch nicht gemachten Steuererklärung, dem dreckigen Auto. Oder man ist für andere da: für die Kinder, für die Eltern, für Freunde, die behaupten, man hätte sich schon wochenlang nicht gesehen, oder für den Partner/in, der/die gerade richtig Stress auf der Arbeit hat. Ich zumindest habe es bisher nur ansatzweise geschafft, die sogenannte „Frei“-Zeit auf meine Pläne zu richten.
 

Anja mit Mona

Anja als "Engel auf Zeit" mit Mona
 

Die Entscheidung steht: das beste Geschenk an mich selbst

 

2015

Mein Arbeitgeber ermutigt zu Sabbaticals und macht alle Prozesse drumherum verständlich und greifbar, so dass ich nun meinen Wunsch nach einer Auszeit verwirklichen kann. Alle folgenden Gespräche, Berechnungen und Formalitäten werden von der Energie getragen, die durch die Entscheidung zum „Ja – ich mache eine Auszeit“ freigeworden ist.
 

2016

Es steht fest: Von April bis September 2017 wird es eine neue Zeitrechnung geben. Bis dahin heißt es: volle Kraft voraus bei reduziertem Gehalt. Aber was soll’s, zum 40. Geburtstag habe ich mir das beste Geschenk gemacht: ZEIT.

 

Tipp 1: Gehen Sie frühzeitig mit Ihrer Führungskraft ins Gespräch. Mindestens ein Jahr Vorlauf sollten Sie einplanen.

Tipp 2: Überprüfen Sie Ihre Finanzen. Während der Ansparzeit und Freistellungsphase erhalten Sie ein reduziertes Gehalt. In der Ansparphase arbeiten Sie gemäß Ihrer vertraglich vereinbarten wöchentlichen Arbeitszeit, erhalten aber nur ein um den Sparbetrag reduziertes Entgelt. Der Sparbetrag wird auf ein Konto als Wertguthaben angelegt. In der Freistellungsphase (Auszeit) wird das angesparte Entgelt aus dem Wertguthaben ausgezahlt. Dadurch werden alle Versicherungsbeiträge lückenlos bedient. Es hat aber leider auch Auswirkungen auf die Höhe des Rentenbetrags.

 

Es geht los: wie nach einer Wildwasserfahrt ans Ufer gespült
 

Anfang 2017

Die letzten Tage vor meiner Auszeit sind vergleichbar mit einer Wildwasserfahrt: letzte Termine, letzte Absprachen und Übergaben mit den Vertretungen, das letzte Mal Meetings, letzte Arbeiten, aufräumen. Schnell noch ein paar Gedanken für laufende Projekte, schon mal Termine für danach, Abwesenheit auf allen Kanälen einrichten.
Zwei Fragen begleiten den Ausstieg: „Wo geht’s hin?“, gefolgt von „Oh, und was machst du?“, immer wenn ich sage: „Ich bleibe in Berlin“. Manche wollen mehr Zeit für ihre Familie oder fremde Länder sehen, andere nutzen die Pause, um sich sozial zu engagieren oder für Weiterbildung – ein sogenanntes Learning Sabbatical. Das ist jetzt mein Plan.


Tipp 3: Gehen Sie frühzeitig in die genaue Planung der Auszeit. Was müssen Sie organisieren für Ihren Wunsch? Dann mindestens zwei Wochen vor Ende keine Projekte mehr angehen oder eine Deadline in die letzten Tage setzen. Es gibt immer unverhoffte Dinge, die eintreten können und das ungute Gefühl verbreiten, dass man sie nicht mehr richtig abschließen kann. Nutzen Sie die Zeit für strukturierte Übergaben, räumen Sie auf und legen Sie Ihre Daten so ab, dass sich jeder gut zurechtfindet.
 

April 2017

Der erste Tag der Auszeit. Puh. Es rauscht noch in den Ohren. Den Griff zum Smartphone und einen Blick ins Mail-Fach muss ich unterdrücken. Der ganze Tag liegt vor mir. Wundervoll. Erwartungsvoll. Es folgen 182 weitere solcher Tage.
Im Wellcome-Projekt werde ich „Engel auf Zeit“ bei einer Familie. Zweimal pro Woche für zwei bis drei Stunden darf ich nun die Welt aus Kinderaugen betrachten. Das ist das beste Training für Achtsamkeit, Geduld und Flexibilität. Es gibt keine Pläne, keine Zeitfenster, keine Störungen. Die zweijährige Mona wird somit mein Mini-Mentor für das Wesentliche im Leben. Die „Mona-Zeit“ ist eine perfekte Ergänzung zu meinem neuen „Nerd-Leben“.

Ich möchte nämlich auch eine Programmiersprache lernen. Ideen für Apps habe ich genug, das kann ja nicht so schwer sein. Irrtum. Ist schwer, aber wahnsinnig fesselnd. Ich sitze teilweise vier Stunden im Cafe/im Park/auf dem Balkon und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Nach drei Wochen frage ich mich, wie ich es überhaupt geschafft habe, acht Stunden zu arbeiten.
Viele werden es nicht verstehen, aber es ist ein grandioses Gefühl, wenn sich nach tagelangen Fehlermeldungen wie „Unexpected token“, „Cannot read property 'map' of undefined“ die Seite aufbaut und alles funktioniert. Von der Erstellung einer eigenen App bin ich noch weit entfernt, aber ich habe eine gute Ahnung, wie es funktionieren könnte, und mein Code-Vokabular ist so umfangreich, dass ich meine IT-Kollegen mit umfangreichen Programmierkompetenzen verstehe.

Tipp 4: Lassen Sie sich von niemandem reinreden, ob es sinnvoll ist, was Sie tun und wie Sie Ihren Tag verbringen. Wenn Sie schon immer mal „Nein-Sagen“ üben wollten, ist jetzt die perfekte Zeit. Ohren auf bei Satzanfängen wie „Du hast doch jetzt Zeit ...“. Es folgen oft ganz lieb gefragte kleine Bitten wie „Kannst du dich bitte um das Geschenk kümmern, den Haushalt, die Kinder, den Garten, den Umtausch, die Arzttermine, meine Bewerbungsunterlagen usw.?“.

 

Codieren im Garten

Anja lernt Programmieren im Garten

 

Es geht zurück ... aber nicht auf Anfang


September 2017

Die letzten Tage brechen an. Bis zur Hälfte kam mir die Zeit unendlich vor, dann verging sie mindestens doppelt so schnell. Ich verabrede mich mit meiner Führungskraft für meinen ersten Arbeitstag und merke, dass ich immer öfter an die Arbeit denke. Wurde ich vermisst? Gibt es noch Arbeit für mich? Welche? Sind die Kollegen genervt, weil sie durch mich viel mehr zu tun hatten? Was hat sich verändert? Wie schnell komme ich wieder rein ins Tun? Oh Gott, ich habe ja schon Termine im Oktober und November. Die Gedanken verschwinden sofort wieder, aber vorher sind sie gar nicht erst aufgetaucht.


Oktober 2017

Ich quetsche mich morgens zu den anderen hunderten Fahrgästen in die U-Bahn und weiß sofort, was ich nicht vermisst habe. Im Büro angekommen, erwarten mich erfreute Kollegen und viele Fragen. So bleiben die Erinnerungen lange frisch. Nach drei Stunden werde ich gefragt, wo der Sitzball ist, der letzte Woche noch da war. Mein E-Mail-Postfach füllt sich wie von Geisterhand. Es ist, als wäre ich nie weg gewesen, und gleichzeitig strömen tausende Infos auf mich ein, die gänzlich neu sind. Gut, dass der nächste Tag ein Feiertag ist. Aus Versehen. Ganz ehrlich.

 

Tipp 5: Planen Sie Ihre Rückkehr gut. Wenn Sie sich in den letzten Wochen nicht damit beschäftigen wollen, sollten Sie es bereits vor der Auszeit einplanen. Nehmen Sie alle Eindrücke mit, aber lassen Sie sich nicht verrückt machen. Es geht nicht darum, sich so schnell wie möglich einzufügen und seinen Beitrag zu leisten. Ich habe in der bürofreien Zeit auch neue Seiten an mir kennengelernt, und diese Seiten bringe ich ab jetzt auch mit ins Büro. 

 

Autorin Anja Umbreit

Anja Umbreit, 40 Jahre alt, ist seit 13 Jahren vollzeittätig beim pme Familienservice. Sie ist Themenmanagerin Balance 360°, Diversity-Managerin, tätig in der BMAIV und MAIV und Vorstandsvorsitzende der pme aktiv e.V.