Wiedereinstieg: Ein Gewinn für alle

Gewinn für alle: „Perspektive Wiedereinstieg“

27.06.2018
Gabriele Strasser
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In Unternehmen fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig gibt es eine große Gruppe an gut ausgebildeten, hoch motivierten Frauen und Männern, die nach einer längeren Familienpause oder Pflegephase wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren wollen. Wie das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ beide Seiten effektiv unterstützt, schildert Sabine Christen, seit 2011 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) für das Programm verantwortlich, im Interview.

Liebe Frau Christen, herzlichen Glückwunsch zu zehn Jahren „Perspektive Wiedereinstieg“. Warum wurde das Programm im Jahr 2008 vom BMFSFJ und der Bundesagentur für Arbeit (BA) initiiert?

Sabine Christen: Vielen Dank. Ja, wir sind alle sehr stolz und freuen uns sehr, dass das Aktionsprogramm in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert! Dem Programm lag ein gleichstellungspolitischer Ansatz zugrunde, um Familienfrauen mit langen Berufsunterbrechungen zu einer Rückkehr in den Beruf zu motivieren und zu aktivieren. Durch den beginnenden Fachkräftemangel hat sich das Programm dann auch immer mehr zu einem arbeitsmarktpolitischen Programm gewandelt, da wir die Potenziale dieser gut qualifizierten Frauen auch für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aufdecken wollten.

 

Auf welchen Säulen steht das Programm?

Das Programm basiert auf zwei wesentlichen Säulen: Information sowie Beratung und Unterstützung vor Ort. Zum einen bieten wir mit unserem sogenannten Lotsenportal perspektive-wiedereinstieg.de vielfältige Informationen rund um das Thema Wiedereinstieg für die unterschiedlichen Zielgruppen des Programms: Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger, Unternehmen sowie die Partnerinnen und Partner der Berufsrückkehrenden. Des Weiteren finden Interessierte auf dem Portal unter anderem eine umfassende Übersicht an Beratungsstellen, einen Veranstaltungskalender oder Best-Practice-Beispiele von Wiedereinsteigerinnen und Unternehmen. 

Die zweite Säule ist die individuelle Beratung und Unterstützung an den derzeit 22 Standorten im ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“. Hier werden sowohl Wiedereinstiegsinteressierte in einem sechsmonatigen individuellen Coaching bei ihrer Rückkehr in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung begleitet, als auch Unternehmen über Netzwerktreffen, Workshops u.ä. angesprochen. Bei der Ansprache der Unternehmen geht es vor allem gezielt darum, über Vereinbarkeitsfragen und über eine wiedereinstiegsfreundliche Unternehmenskultur zu diskutieren.

 

Warum ist es immer noch wichtig, dass Frauen auf dem Weg zur beruflichen Rückkehr unterstützt werden?

Es gibt auch heute noch viele Frauen, die vor einem Wiedereinstieg stehen und Unterstützung benötigen. Nach Schätzungen des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) gibt es ein ungenutztes Erwerbspersonenpotenzial von Frauen in Höhe von ca. 4,5 bis 4,6 Millionen, davon rund eine Million in der sogenannten „Stillen Reserve“. Viele Frauen  – gerade aus der „Stillen Reserve“ – sind überdurchschnittlich gut qualifiziert, deshalb ist es auch aus Sicht der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sehr interessant, diese für ihr Unternehmen als Fachkräfte zu gewinnen.

Zudem gibt es – leider – immer noch viele Frauen, die sich im Minijob befinden, mit den entsprechend nachteiligen Folgen für eine eigenständige Existenz- und Alterssicherung. Und wir haben immer mehr Frauen und auch Männer, die aufgrund von Pflegeaufgaben aus dem Erwerbsleben (teil-)aussteigen müssen oder ausgestiegen sind. Deshalb haben wir das Programm fortentwickelt, um auch in diesen Fällen Unterstützungsangebote vorhalten zu können.

 

Aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Projektverantwortliche: Was würden Sie den Zielgruppen des Programms gerne mit auf den Weg geben?

Den Frauen würde ich raten, möglichst früh wiedereinzusteigen, den Kontakt zu ihren Unternehmen nicht zu verlieren und Netzwerke, die sie sich auch privat aufgebaut haben, zu nutzen. Die meisten Stellen werden nun einmal über Kontakte vergeben.

Von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern wünsche ich mir, dass sie Wiedereinsteigerinnen bei ihrer Personalakquise verstärkt berücksichtigen und sie als Potenzial für ihre Fachkräftesicherung erkennen. Unsere Best-Practice-Beispiele auf dem Lotsenportal zeigen, dass es gar nicht so schwer ist, diese Zielgruppe zu erschließen oder idealerweise im Unternehmen zu halten. Und zwar nicht erst dann, wenn man feststellt, dass auch die eigene hochqualifizierte Tochter vor Vereinbarkeitsfragen oder Wiedereinstiegsproblemen steht.

 

"Viele Frauen  – gerade aus der „Stillen Reserve“ – sind überdurchschnittlich gut qualifiziert, deshalb ist es auch aus Sicht der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sehr interessant, diese für ihr Unternehmen als Fachkräfte zu gewinnen."

Sabine Christen ist stellvertretende Referatsleiterin im Referat „Arbeitsmarkt“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Seit 2011 ist sie für das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ verantwortlich.

 

 

 

Kreativ gegen den Fachkräftemangel: 3 Tipps für Arbeitgeber

 

1. Erkennen Sie das Potenzial von Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern
Die Mehrheit der Frauen, die nach einer längeren Familienpause wieder in den Beruf einsteigen möchten, ist gut ausgebildet und hochmotiviert. In der Familienphase haben sie sich Fähigkeiten erworben, die zusammen mit ihrer guten Ausbildung die Grundlage dafür sind, dass sie auch komplexen Herausforderungen im Arbeitsalltag mit Lebenserfahrung lösungsorientiert begegnen können. Berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger verfügen häufig über eine solide Gelassenheit – besonders dann, wenn es hektisch wird. Daher werden sie sowohl im Team als auch von Kundinnen und Kunden ernst genommen und geschätzt.

 

2. Seien Sie einladend für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger
Es ist ganz einfach: Sprechen sie Wiedereinsteigerinnen mit ihren Stellenausschreibungen direkt an, sobald Sie sich entschieden haben, dieser Zielgruppe in ihren Unternehmen eine Chance bieten zu wollen. Laden Sie Wiedereinsteigerinnen offensiv ein, sich in ihrem Unternehmen zu bewerben. Denn diese direkte Aufforderung kann das Zünglein an der Waage sein, das den Interessentinnen den Mut gibt, sich bei Ihnen zu bewerben.  

 

3. Nutzen Sie die Unterstützungsangebote des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“
Das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ bietet ein umfangreiches Angebot für Arbeitgeber und Personalverantwortliche:

  • Auf dem Portal www.perspektive-wiedereinstieg.de finden sich hilfreiche Informationen, zum Beispiel Gute-Praxis-Beispiele oder Tipps zu Fördermöglichkeiten.
  • In der XING-Gruppe „Perspektive Wiedereinstieg: Klick dich rein für neue Wege“ tauschen sich über 1.500 Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger, Personalverantwortliche und Experten der Bundesstandorte zum Thema Wiedereinstieg aus.
  • 22 lokale Projektträger in 14 Bundesländern unterstützen Unternehmen ganz konkret bei der Gewinnung von Fachkräften aus der „Stillen Reserve“.

 

Über das Aktionsprogramm Perspektive Wiedereinstieg

Mit dem breit angelegten Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ unterstützt das BMFSFJ gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit seit März 2008 Frauen und Männer, die familienbedingt mehrere Jahre aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, bei einem perspektivreichen Wiedereinstieg in das Berufsleben. Das Aktionsprogramm richtet sich an Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger, die nach Phasen der Kinderbetreuung oder Pflege  wieder in das Berufsleben zurückkehren möchten, ihre Partnerinnen bzw. Partner und Familien sowie  Unternehmen.

2013 erhielt das Aktionsprogramm "Perspektive Wiedereinstieg“ den "Public Service Award" (Preis für öffentliche Dienstleistungen) der Vereinten Nationen (United Nations, UN) in der Kategorie "Geschlechtersensible Erbringung öffentlicher Dienstleistungen".

2016 fand der Global Summit of Women in Warschau statt. Das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ wurde als bestes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und Unternehmen (Public-Private-Partnership) gewürdigt.

Der pme Familienservice ist seit 2008 als Service- und Vernetzungsstelle für das Aktionsprogramm tätig.